img_0737Könnt ihr euch irgend ein Wundermittel vorstellen, dass einen innerhalb weniger Stunden vom Rand der Verzweiflung in einen Zustand zuversichtlicher Ruhe zurückmanövriert? Nein, ich rede nicht von Cocablättern – vielmehr von der Geschichte eines turbulenten und erschöpfenden Tages.

Heute Morgen um 9.45 stand ich an einer vielbefahrenen, hektischen und lauten Kreuzung mitten in Santa Cruz. Wobei eigentlich jede Kreuzung in Santa Cruz vielbefahren, hektisch und laut ist. Eine Viertelstunde vorher hätte ich im Büro von Acovicruz sein sollen, um meine zukünftigen Arbeitskolleg_innen kennenzulernen. Sie hatten mich eigentlich von zu Hause abholen wollen – auf dieses «zu Hause» komme ich später noch zu sprechen –, doch ich bin es gewöhnt, mich alleine zurechtzufinden, ausserdem war es kein weiter Weg und ich wusste eigentlich auch, wo ich langgehen musste. Nun ja, eigentlich. Die Strasse fand ich dann auch zielsicher, und um auf Nummer sicher zu gehen, fragte ich noch zwei Leute auf der Strasse unabhängig voneinander, ob dies denn wirklich die betreffende Strasse sei – denn nach Strassenschildern hält man hier oft vergebens Ausschau, was die Orientierung nicht gerade erleichtert. Ja, sie sei es, versicherten mir beide, und ich lief los. Es regnete ziemlich stark, was mich allerdings mit grosser Begeisterung erfüllte, denn die Hitze der letzten drei Tage war so unerträglich gewesen, dass ich auf der Liste der Kriterien, die meine zukünftige Wohnung zu erfüllen hatte, mit fetter Schrift ergänzte: KLIMAANLAGE!!

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Die Strasse entlang zu gehen, war nicht so einfach wie gedacht, da Teile davon vom starken Regen so überflutet waren, dass man bis zu den Knien im Wasser stand. Autos und Minibusse fuhren unbeeindruckt durch, doch ich versuchte auszuweichen. Das hiess immer wieder mal: dreissig Meter zurück und rüber auf die andere Strassenseite, weil dort der See weniger tief war. Nun gut, nicht so schlimm, im Zickzack weiter, lange konnte es ja nicht mehr dauern, da ich mich bereits in der richtigen Strasse befand. Was ich nicht bedacht hatte: Es ist in Santa Cruz praktisch unmöglich, eine Hausnummer zu finden, wenn man nicht bereits weiss, wo sie sich befindet. Denn die Zahlen folgen keinerlei Logik: Nach der Nummer 188 kann gut die Nummer 47 kommen, und danach ruhig wieder eine 123. Ausserdem haben die Nummerierung der rechten und der linken Strassenseite nichts miteinander zu tun. Langsam wurde mir klar, warum man hier auf die Fragen nach der genauen Adresse nicht Strasse und Hausnummer nennt, sondern eine Strasse plus die zwei Querstrassen, zwischen denen das gesuchte Haus liegt.

Nun gut. Irgendwann landete ich an einer Kreuzung, an der ich laut Stadtplan schon längst an der gesuchten Adresse vorbei war. Obwohl ich schon zu spät dran war, war ich bereit, wieder zurückzugehen, doch mein Sicherheitscheck mit zwei voneinander unabhängigen Leuten («Ist das die Strasse xy?») versagte. Eine sagte Ja, der andere Nein. Und logisch war es schon gar nicht, weil die Strasse, der ich die ganze Zeit gefolgt war, an ihrem anderen Ende plötzlich einen anderen Namen hatte. Auch dies ist hier normal, wie ich inzwischen weiss: Eine Strasse kann an jeder noch so kleinen Kreuzung den Namen ändern…

Unsicher, ob ich nun zurückgehen und weitersuchen sollte, schaute ich mit steigender Verzweiflung um mich und mir fiel auf, dass die Leute geradezu winterlich gekleidet waren. Ich dagegen trug einen Jupe und Flipflops und fand es auch nach meinem fast einstündigen Marsch durch die Stadt immer noch genau das richtige Klima dafür. Jedoch bemerkte ich, dass meine Beine bis zu den Knien mit Schlamm bedeckt waren. Nicht gerade optimal für ein Meeting mit dem zukünftigen Chef… Ich opferte also mein letztes Trinkwasser, um meine Beine zu putzen, und nun stand ich da. Ohne Wasser, ohne Frühstück im Bauch, mit Stadtplan aber ohne passender Strassenbeschilderung dazu, und ohne die geringste Idee, wie ich zu diesem blöden Büro finden sollte. Also rief ich dort an und gab zähneknirschend zu:
«Ich habe mich verlaufen.»
«Keiiin Problem, es ist ganz einfach, du nimmst einfach den Minibus 34, oder ist es 37? (kurzes Beraten im Hintergrund) – nein, 34, und fährst drei Blocks weiter, dann rechts um die Ecke, eineinhalb Blocks, dann wieder rechts, warte mal, wo fährt der Bus lang? Aha ja, und dann noch zweieinhalb Blocks und schon bist du da.»
«??????»
«Alles klar?»
«????????????????????»
«OK, wir holen dich ab.»

So. Das war morgens um 9.50. Ich dachte: Ich will nach Hause. Richtig nach Hause. Denn die Unterkunft, in der ich zurzeit lebe, ist ziemlich gruselig – so sehr ich mein Zimmer auch putze, es wird nicht sauber, im Wohnzimmer lässt die Katze ihre abgenagten Knochen herumliegen, bis sich die Mücken darauf stürzen (Alarm in meinem Kopf: Dengue!!!!! Zika!!!!!!) – Mückenspray, Räucherstäbchen, Ventilatorwind (mögen sie offenbar nicht) laufen auf Hochtouren in meinem Zimmer, einzelne verirrte Mücken werden pedantisch gejagt, meist mit dem Buch «Was glaubt ein Atheist?» da es gerade herumliegt – obwohl ich es schon seit einem Jahr nicht angefangen habe zu lesen, habe ich es trotzdem nach Bolivien mitgenommen, warum eigentlich, frage ich mich, ziemlich wunderlich, aber da es nun einmal hier ist, muss ich es unbedingt lesen, doch inzwischen dient es wenigstens der Mückenjagd!

OK, zurück zur Kreuzung – die Hoffnung, bald eine akzeptable Wohnung zu finden, habe ich bereits aufgegeben, mit meinem Budget wird es entweder eine Besenkammer, eine genauso schummrige Absteige wie meine jetzige, die niiiie sauber wird, oder ein schönes Häuschen so weit vom Zentrum entfernt, dass ich zwei von meinen drei Siestastunden unterwegs verbringen werde…

Und nur zwölf Stunden später sitze ich ziemlich entspannt in meinem Zimmer (das Atheistenbuch griffbereit), lache beim Schreiben schon selbst über die Beschreibung meines Vormittags und habe eine kleine, aber schöne, saubere und zentrale Wohnung gemietet, in die ich noch diese Woche einziehen kann. Und das Wundermittel, das diesen Wandel vollzogen hat? Lourdes und Omar! Meine neue Arbeitskollegin und ihr Mann haben mich den ganzen Nachmittag durch die Stadt gefahren, um Wohnungen anzusehen. Mit den richtigen kritischen Fragen («Kann man hier eine Klimaanlagen installieren und wie viel Nebenkosten verursacht das zusätzlich?»), dem Auge für das Wesentliche («Schau, dieses Zimmer geht auf die Sonnenseite, das wird brüllend heiss!») und dem Wissen der Ortskundigen («In diesem Quartier kannst du nach neun Uhr nicht mehr auf die Strasse.») haben sie mir Vor- und Nachteile jeder Wohnung so plausibel gemacht, dass mir plötzlich alles ganz logisch erschien. «Morgen gehen wir Möbel kaufen!» konstatiert Lourdes mit Selbstverständlichkeit, «und dann regeln wir die Sache mit deinem Telefon.» (Ich habe zwar mit Müh und Not eine Simkarte gekauft und aufgeladen, eine ziemlich komplizierte Sache, doch funktionieren tut es nicht…) Omar schimpft. Warum ich überhaupt allein zum Telefonanbieter gegangen sei. Warum ich immer noch kein Medikament gegen den Husten gekauft habe. Warum ich zu Fuss in der Stadt herumirre. Naja, sage ich zähneknirschend, ich bin es mir halt gewohnt, meine Dinge allein zu regeln. Er winkt ab. Doch nicht in der ersten Woche!!! Und Lourdes meint erstaunt: «Im Büro waren wir uns sowieso einig, dass meine Arbeit im Moment darin besteht, mich um dich zu kümmern!» So, das ist es also, mein Wundermittel. Lourdes und Omar. Die Selbstverständlichkeit, einander zu unterstützen. Und ich nehme mir vor, auch zu helfen, wenn mal jemand neu nach Santa Cruz kommt. Wenn ich bis dann die Sache mit den Adressen verstanden habe…

 

 

 

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