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Der Chef der Hundemafia vor meiner Haustür – alles OK im Quartier!

Im Gesamtvergleich der Stadt würde ich mal sagen, ich wohne eher in einem ruhigen Quartier. Obwohl: Da das Hauptstrassennetz von Santa Cruz ring- und strahlenförmig aufgebaut ist, ist es eigentlich fast nicht möglich, in wirklicher Entfernung von einer stark befahrenen Verkehrsachse zu wohnen, ausser man wohnt in einem Aussenbezirk. Zwölf kreisförmige Strassen – die so genannten «anillos» (Ringe) – breiten sich vom Stadtzentrum aus. Auf diesen Kreisen rattern bestimmte Minibusse immer rundherum, andere bedienen nur einen Teil eines Rings, doch alle hinterlassen riesige schwarze Abgaswolken. Andere Buslinien kursieren zwischen den Ringen hin und her, auf den so genannten «radiales» (Achsen), die vom innersten Ring ausgehen und nach aussen führen, viele davon über die Stadtgrenze hinaus in die umliegenden Dörfer oder sogar in die nächsten Städte.

 

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Ich selbst wohne gleich innerhalb des dritten Rings, also ziemlich zentral, und ungefähr in der Mitte zwischen zwei Achsen. Klingt laut und stinkig, aber irgendwie scheint der ganze Strassenlärm gleich etwas herunterzudimmen, sobald man in unsere Strasse, die Calle Clara, einbiegt. Von meinem Fenster aus sehe ich in einen kleinen Park hinunter, mit grossen schönen Bäumen, einer Kinderschaukel und einigen Parkbänken. Wie in allen Strassen von Santa Cruz leben hier auch viele, viele Hunde. Einige wohnen in den Häusern, die Schosshunde sozusagen, und einige leben auf der Strasse. Ich weiss nicht, ob sie jemand füttert, doch abgemagert sehen sie nicht aus, und ich habe noch nie einen im Abfall wühlen sehen (und Abfall liegt überall herum). Gut, sie kommen nicht gerade aus dem Schönheitssalon, aber verwahrlost sehen sie eigentlich nicht aus. Eher wie eine coole Gang, die das Quartier im Griff hat – eine kleine Mafiabande. Sie sind meist in Zweier- oder Dreiergrüppchen unterwegs, lausen sich gegenseitig und haben offenbar eine klare Rangordnung: Sie sind nicht aggressiv, weder untereinander noch gegenüber den menschlichen Bewohnern ihrer Strasse, doch wenn der eine bellt oder eine Drohgebärde macht, scheint klar zu sein, wer den Schwanz einzieht, zurückweicht oder sich ergibt und auf den Boden legt.

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Der Chef der Bande sieht aus wie ein Baumwollknäuel, mit halblangem weissen Fell und etwas hippiemässigem Rastastil. Er und einige seiner Kumpels sind immer morgens in der Calle Clara unterwegs – wo sie ihre Nachmittag und Abende verbringen, weiss ich nicht. Doch ihr Tag beginnt früh, spätestens ab sechs Uhr muss ich mein Fenster zumachen, weil ihr mehrstimmiges Morgengebell mit Echo durch die Strasse hallt. Dann weiss ich, alles OK, sie sind wieder da. Es ist fast, als ob ich nun ein paar Haustiere hätten – naja, Quartiertiere. Aber wenn ich sie morgens mal nicht sehe, mache ich mir schon fast Sorgen.

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Weniger sympathisch ist allerdings die Pfingstkirche in unserer Strasse – obwohl ich dem musikalischen Zugang zu Gott ganz und gar nicht kritisch gegenüberstehe , wäre ich froh, wenn er nicht bis in die frühen Morgenstunden und mit zwei Meter hohen Lautsprechern praktiziert würde. Die Pfingstkirchler verwandeln die ganze Strasse mindestens ein Mal pro Woche in eine Art Konzertpublikum, unfreiwillig – noch bei geschlossenen Fenstern dröhnen die Bässe und die mikrofonverstärkten Singstimmen lassen die Hauswände vibrieren. Mal schauen, vielleicht schicke ich mal unsere Hundemafia vorbei, um die Nachtruhe im Quartier herzustellen.

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