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Vor einer Woche habe ich mir ein Fahrrad gekauft. Und gestern hatte ich schon den ersten Platten. Mitten im Stadtzentrum, ohne Garage in Sicht. Bis ich mich zu einer Autoreifen-Reparaturstelle durchgefragt hatte, das Hinterrad angehoben und meinen Drahtesel auf dem Vorderrad schiebend, war letzterer total blockiert und der Schlauch hing ausgehängt zu Boden; ich dagegen schweissüberströmt, mit Armschmerzen vom Tragen und mit Schrammen an den Beinen, wo ich bei jedem Schritt gegen die Pedalen gestossen bin. Einfach ist es nicht, sich hier ohne Motor auf zwei Rädern fortzubewegen – ich glaube, wir sind die einzigen in der Stadt, mein Fahrrad und ich. Die meisten Auto-, Motorrad- und Minibusfahrer haben einen mörderischen Fahrstil und treten eher aufs Gas als auszuweichen, wenn ihnen Fussgänger – oder eben Velofahrerinnen; also die eine, die Santa Cruz jetzt hat – in die Quere kommen. Das Problem ist, dass dies gerade bei Minibussen öfter vorkommt (das in die Quere kommen meine ich, nicht das Gas geben). Denn meine Strategie, auf der rechtesten Spur so weit rechts wie möglich zu fahren, damit die Autos problemlos an mir vorbeikommen, ohne hupen zu müssen oder mein Leben zu gefährden, kollidiert mit der Notwendigkeit der Minibusse, alle paar Meter rechts ranzufahren, um Passagier_innen ein- oder aussteigen zu lassen. Haltestellen gibt es hier nicht – wenn man aussteigen möchte, ruft man dem Chauffeur einfach «Pare por favor!» («Anhalten bitte!») zu, und zum Einsteigen stellt man sich an den Strassenrand und gibt ein Handzeichen.

Meine Mutter hat schon Horrorvorstellungen von meinem Fahrrad und mir im tosenden Verkehr von Santa Cruz – und wird diese beim Lesen dieser Zeilen gleich nochmals bestätigt sehen –, doch nach Möglichkeit fahre ich nicht auf den Hauptstrassen, sondern durch die Quartiere, wo praktisch kein Verkehr herrscht (ist wirklich wahr und kein Schwindel zur Beruhigung meiner Mutter :)). Trotzdem muss ich mir unbedingt eine Klingel kaufen: Schliesslich ist nicht nur unsere Strasse voll von Hunden (siehe Blogeintrag vom 3. März), sondern das ganze Quartier – und ich will nicht Gefahr laufen, mit einem zu kollidieren, wenn ich ohne Motorengeräusch von hinten komme (ich spreche auch hier aus Erfahrung, wobei Kollisionen bisher knapp vermieden werden konnten, was aber eher meinen Ausweichmanövern als denen der Hunde zuzurechnen ist). Autos und Busse dagegen bereiten mir in den Nebenstrassen keine Probleme: Zur Geschwindigkeitsbeschränkung trifft man gefühlt alle zehn Meter auf eine Schwelle, was die Autos zum Schneckentempo zwingt und mir eine holprige Fahrt einbringt. Schlimmer in Sachen Holpern sind allerdings die vielen Pflastersteinstrassen – doch langsam habe ich den besten Weg zur Arbeit gefunden: nicht den schnellsten, sondern den, der mir am wenigsten blaue Flecken einbringt, in einem wilden Zickzack durch eineinhalb Blocks nach Südwesten, über Kanalbrücklein und Fussgängerstreifen.

Das grösste Problem ist allerdings nicht das Fahren, sondern das Abstellen des Velos. «Nie und nimmer kannst du es auf der Strasse stehen lassen!» ergossen sich Schreie der Empörung über mich, als ich zum ersten Mal mit dem Velo und einem massiven Kettenschloss im Büro ankam. «Die transportieren es mitsamt der Kette ab.» Und wenn ich es an ein Gitter, an einen Pfosten kette? «Dann nehmen sie die Teile, die nicht angekettet sind.» Da Garagen offenbar in Bolivien nicht existieren – Autos werden im Hausflur parkiert! – und das Gebäude, in dem sich unser Büro befindet (im ersten Stock, und mit einer Treppe, die zu eng ist, um das Fahrrad nach oben zu tragen, wie der Versuch gezeigt hat; mit dem Ergebnis eines verkanteten weder-vor-noch-zurück-Könnens), nicht einmal einen Hausflur hat, muss ich das Rad nun in ein Loch hinter der Treppe stellen – beziehungsweise schräg in dieses hineinhängen lassen, damit ich es abends auch wieder hinaushieven (und rückwärts die restliche Treppe hinunter und aus der Haustür tragen) kann.

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Dennoch bin ich wunschlos glücklich mit meinem Fahrrad, besonders weil es gar nicht so einfach war, eins zu finden. Kein Wunder – wenn niemand Fahrrad fährt, werden auch keine verkauft. Drei Samstage in Folge bin ich zu allen Märkten gefahren, von denen ich gehört hatte, dort sei einmal ein Fahrrad gesichtet worden. Bis ich dann schliesslich eine Verkaufsstelle fand, die jedoch hauptsächlich Mountainbikes im Sortiment hatte (warum, ist mir ein Rätsel, da Santa Cruz  flach wie ein Brett ist). Zwei Modelle Damen-Stadtvelos gab es – eins mit Gängen und eines ohne, sonst waren sie identisch, auch preislich – etwas, was ich erst verstand, als ich merkte, dass mein 21-Gänger eigentlich nur in zwei bis drei Gängen richtig funktioniert, der Rest ist Kettenrasseln und Leerlauf. Nun habe ich vor, irgendwann mal meine Kamera im Körbli zu platzieren, wenn ich zur Arbeit fahre, damit ihr seht, wie es hier so aussieht… Stay up to date on www.maron.ch 😉

 

 

 

 

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