Ich war noch nie wetterfühlig – im Gegenteil. Schon oft war ich erstaunt, wenn jemand sich darüber beklagte, dass es nun schon wochenlang regnerisch und trüb sei oder dass der Nebel auf die Stimmung drücke. Ich nahm es gar nicht wahr, dass ich im hochnebelgepeinigten Zürich schon lange keinen Sonnenstrahl mehr gesehen hatte – weil es mir einfach nichts ausmachte.

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Rägetröpfli im grossen Stil, Santa Cruz de la Sierra Bolivia

 

Meine erste Wetterkrise hatte ich, als ich im Berner Oberland wohnte. Meine Eltern glaubten mir schon gar nicht mehr, wenn ich bei jedem Telefonat raportierte: «Strahlender Sonnenschein.» Doch mir gefiel dies überhaupt nicht. Wie anderen der Hochnebel drückte mir der dauerend klare, blaue Himmel und die unangenehm blendende Sonne aufs Gemüt – egal ob in der brennenden Hitze des Bergsommers oder bei minus zwanzig Grad im Winter (keine Übertreibung!). Manchmal fuhr ich nach Montreux hinunter, um endlich wieder ein bisschen Nebel und Wolken zu sehen – und fühlte mich gleich wohler.

Dann zog ich aus Saanen direkt nach Kurdistan. Mesopotamische Hochebene, weit und breit kein Gewässer, ca. fünf Mal pro Jahr ein bisschen Regen, in den Sommermonaten Temparaturen zwischen 35 und 50 Grad (auch keine Übertreibung!). Zumindest hielten sich die Leute immer im Schatten auf und streckten sich nicht wie Eidechsen in der Sonne aus, wie dies in der Schweiz so üblich ist – logisch, wenn man jeden Sonnenstrahl erhaschen muss, den man kriegt, weil es eine einmalige Gelegenheit sein könnte. In Kurdistan schwor ich mir, mich nie wieder über Kälte zu beklagen (falls ich das jemals getan haben sollte). Immerhin konnte man sich entsprechend anziehen; doch in der brüllenden Hitze spielte es keine Rolle mehr, wie leicht man bekleidet war – es war immer unerträglich. Dazu kam, dass das Tragen hitzeangemessener (das heisst freizügiger) Kleidung nicht gerade üblich war. Nicht, dass irgend jemand mich ermahnt hätte, aber man kommt sich ganz von selbst komisch vor, wenn man nur schon ein schulterfreies T-Shirt trägt, während etwa die Hälfte der anderen Frauen langärmlig herumlaufen.

So. Zurück in der Schweiz behielt ich die Gewohnheit bei, mich im Schatten aufzuhalten, so dass ich in der Mittagspause oder in der Badi immer einen Schirm oder einen Baum suchen musste, um mich auf der einen Seite der Schattenlinie zu platzieren, während meine Kolleg_innen auf der anderen Seite die Sonne genossen. Und wenn mich jemand fragte, wovor ich angesichts meines Einsatzes in Bolivien am meisten Respekt hatte, sagte ich ohne zu zögern: «Vor dem Klima!» Denn Santa Cruz liegt im tropischen Tiefland, und die Temparaturen bewegen sich meist um die 30 Grad – jedoch bei einer Luftfeuchtigkeit von durchschnittlich 60 bis 80 Prozent. Erfreulicherweise habe ich dies bisher ganz gut ertragen. Denn Wind und Regen kühlen das Ganze immer wieder angenehm ab, so dass ich noch nie dieses Gefühl hatte, dass mich in Kurdistan den ganzen Sommer (also etwa fünf Monate) lang begleitet hat: «Aaaaaah, ich überlebe das nicht!» Gut, wenn man aufs Land fährt und sich in der Nähe von Lagunen befindet, ist es im bolivianischen Tiefland schon seeehr feucht und man klebt ständig – von den Mosquitos will ich jetzt gar nicht anfangen –, aber alles in allem lebe ich in entspanntem Frieden mit der bolivianischen Sonne. Was mich nun aber zum ersten Mal in meinem Leben rasend macht, ist der Regen – jedoch eher auf Grund der Begleitumstände, die er mit sich bringt. Heute zum Beispiel: Mit dem Fahrrad ins Büro zu fahren, verwarf ich gleich beim Aufstehen, denn wenn es hier regnet, REGNET es. Selbst die suprige Regenjacke, die ich aus der Schweiz mitgebracht habe, Top-Qualität mit 100% Wasserabstoss-Garantie und atmungsaktiver Membran, könnte nicht verhindern, dass ich pflotschnass ankommen würde. Es ist, als würde man sich unter eine Dusche stellen. Und zwar eine, die nicht nur von oben, sondern auch von allen Seiten und von unten voller Hahnen giesst. Nicht eingerechnet die bis Mitte Unterschenkel reichenden Pfützen (ich schwörs, auch das ist keine Übertreibung!). Also nahm ich den Weg wieder mal mit dem Minibus in Angriff. Etappe eins bestand darin, die Strasse zu überqueren und dauerte circa zehn Minuten. Denn kein Auto schert sich um die vorher erwähnten Pfützen und um die Tatsache, dass die am Strassenrand stehenden Leute von Kopf bis Fuss nassgespritzt werden, wenn sie sie ungebremst durchrasen. Und eben, bremsen tun sie sowieso nie, weshalb es auch ohne Regen nicht einfach ist, eine Verkehrslücke zu finden, die genug gross ist, um über die erste Spur zu hechten, um dann auf der Verkehrsinsel in der Mitte wieder zu warten.

Einige Beweisvideos findet ihr hier und hier und hier 🙂

Als ich es schliesslich einigermassen trocken auf die andere Seite geschafft hatte (nach einem fluchenden Zwischenspiel auf der Mittelinsel, wo ich meinen Schirm abwechselnd nach links und rechts ausspannte statt nach oben, um die Spritzattacken abzuwehren), begann Etappe zwei: das Warten auf den Bus. Natürlich gibt es weder Fahrplan noch Haltestellen, aber normalerweise wartet man nicht länger als zehn Minuten.



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Nach vierzig Minuten nahm ich ein Taxi. Mit Ärrrrger, Reue um die zwei Franken, die ich bezahlte, und einer schönen Verspätung. Lindernde Massnahme war dann die Versicherung meiner Arbeitskolleg_innen, dass es überhaupt kein Problem, ja eigentlich das Normalste der Welt sei, wenn man eine halbe Stunde später zur Arbeit kommt. Schliesslich regnet es!

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