Im Schatten der historischen «Ehe für alle»-Abstimmung in Deutschland und von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet hat auch Bolivien Ende Juni ein neues Gesetz erlassen: Von nun an soll es Transsexuellen und Transgendern erlaubt sein, zivil zu heiraten. Die LGBTI-Gemeinschaft feierte, wies jedoch darauf hin, dass Transsexuellen und Transgendern weiterhin Grundrechte wie die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren, Zugang zu guter Gesundheitsversorgung, würdiger Arbeit und Erziehung verwehrt ist.

 

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Da die bolivianische Verfassung jedoch festsetzt, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau legal sei, ist für die Vermählung das Vorweisen der Identitätskarte notwendig, auf der es seit einiger Zeit möglich ist, sein Geschlecht ändern zu lassen. Eine Trans-Frau kann also einen Mann heiraten, ein Trans-Mann eine Frau – die Ehe für alle dagegen liegt noch in weiter Ferne.

Trotzdem hat das neue Gesetz Wellen der Empörung ausgelöst – vor allem bei der katholischen Kirche, die in Bolivien sehr stark präsent ist. Nachdem gleich am ersten Tag der Inkrafttretung des neuen Gesetzes verschiedene Paare geheiratet hatten, herrschte bereits am nächsten Tag Unsicherheit über die Gültigkeit des Gesetzes. Ein bekannter Jurist erklärte den Medien gegenüber, dass bei einer Zivilheirat das Vorweisen der Identitätskarte nicht genüge, sondern immer auch die Geburtsurkunde vorgelegt werden müsse. Und auf dieser kann man sein Geschlecht nicht ändern lassen. «Man müsste noch einmal neu geboren werden», sagte eine meiner Mitarbeiterinnen dazu, als wir im Büro darüber diskutierten.

Die Diskussion mit meinen bolivianischen Kolleg_innen war aus verschiedenen Gründen interessant. Mir wurde klar, dass praktisch niemand den Unterschied zwischen Homosexualität und Transsexualität/Transgender kennt. In Bezug auf einen schwulen Kollegen sagten sie zum Beispiel, bei ihm gehe es ja noch, da er immer noch wie ein Mann aussehe und es nicht so übertreibe wie andere, die sich richtig verkleiden würden. Ich versuchte mein Bestes, zu erklären, was Schwulsein bedeutet – und was eben nicht. Bin nicht sicher, ob sie es mir geglaubt haben. Insgesamt ist für die meisten die gesamte LGBTI-Gemeinschaft ein suspekter bunter Haufen. Viele hinterfragen jedoch ihre eigene Einstellung. «Vom Kopf her», sagte eine meiner Mitarbeiterinnen, «akzeptiere ich es total und habe überhaupt kein Problem damit. Aber wenn ich sehe, wie ein Mann als Frau gekleidet herumläuft, oder wie zwei Frauen sich küssen, prallt dies so sehr mit meinen kulturellen und religiösen Prägungen zusammen, dass es mich jedes Mal wieder schockiert und irgendwie auch abstösst. Und gleichzeitig ärgere ich mich über mich selbst und frage mich, warum ich diese Gefühle einfach nicht ändern kann. Ich möchte nicht so denken und fühlen, aber diese Wertvorstellungen sind einfach so tief in mir verwurzelt.»

Dies liegt sicher auch daran, dass man hier äusserst selten Transsexuelle auf der Strasse sieht, oder Menschen, die ihre Homosexualität offen zeigen. Das Auge ist sich diesen Anblick nicht gewohnt, deshalb löst es so viel aus. Doch dass einige – zugegeben, eine kleine Minderheit – beginnen, ihre anerzogene Haltung zu hinterfragen, ist sicher ein grosser Schritt in Richtung Liberalisierung. Noch wichtiger als die Erlassung neuer Gesetze, glaube ich. Danke für eure Kommentare!

 

 

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