Mit der Post ist das so eine Sache hier in Bolivien. Kürzlich meinte jemand, eigentlich gäbe es ja gar keine. Nun ja, das stimmt nicht ganz – ich habe zumindest gerade einen Brief aus Luzern erhalten (Absendedatum 19.4.). Dies allerdings nur, weil ich überall die Adresse bzw. das Postfach meines Arbeitgebers angebe. Privat habe ich nämlich  keine Adresse. Meine Strasse hat zwar einen Namen, das dann doch, aber Hausnummern gibt es nicht – wenn man zum Beispiel ein Taxi bestellt, gibt man einfach an, zwischen welchen beiden Querstrassen das Haus liegt, und fügt eine Beschreibung desselben an – so im Stil von «das hohe, weiss-orange gestrichene Gebäude auf der rechten Strassenseite».

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Namenschilder, Klingeln oder Briefkästen haben wir nicht. Wer Post empfangen will, muss ein Postfach eröffnen. Und dies ist nur im einzigen Postbüro im Stadtzentrum möglich, wo man nun wirklich nicht grad jeden Tag vorbeikommt. Aber das muss man ja auch nicht, denn es schickt einem ja auch niemand etwas. Mein Arbeitgeber hat aber trotzdem ein Postfach und leert es auch alle paar Wochen einmal. Wenn mir also jemand, a propos, etwas schicken wollte (nette Worte, Fotos, Schokolade? 🙂 🙂 – so wärs möglich: Nicole Maron, ACOVICRUZ, Casilla 608, Calle Charagua Nº 18 entre Chiriguano y Muchirí, Zona La Ramada, Santa Cruz de la Sierra, Bolivia

Denn es reicht laut meinen Arbeitskolleginnen nicht, nur das Postfach (Casilla) anzugeben – die Adresse muss auf jeden Fall auch mit drauf. Obwohl das von mir aus gesehen überhaupt keinen Sinn macht, da es ja keinen Pöstler gibt, der hierher kommen würde. (Das ist ja auch nicht der Sinn eines Postfach.) Naja, gut, lieber doppelt gemoppelt, wie gesagt, bisher sind alle Briefe angekommen – auch die Abstimmungsunterlagen, ca. zwei Monate nach der Abstimmung.

So. Lustig wird’s jetzt, wenn man einen Brief verschicken will. Dies tat ich kürzlich, um mich für eine Spende der Kirche Seebach zu bedanken, und bat unsere Sekretärin um ein Couvert und Instruktionen. Denn ich befürchtete schon, dass es auch da einiges zu beachten gibt – kürzlich rettete sie mich nämlich davor, ein viertes Mal zum Migrationsamt fahren zu müssen, um ein Registrierungsformular und – widerwillig – meine Fingerabdrücke abzuliefern, weil ich meine Unterlagen in einem falschen Mäppli verstaut hatte. Ein «fólder amarillo» (gelbes Mäppchen) müsse es natürlich sein, wenn es sich um eine offizielle Angelegenheit handle. Und es geht dabei nicht einfach nur um die Farbe: Dieser fólder amarillo ist ein in Grösse, Kartondicke und Farbton genormtes Mäppli, da verstehen die Behörden keinen Spass. (Das erste Mal wurde ich im Migrationsamt bereits am Empfangsschalter abgewiesen, weil ich auf dem Formular (das man online ausfüllt und dann ausdruckt) von Hand etwas korrigiert hatte (und meine Chefin sagte noch, «Ist doch egal, dass deine Telefonnumer falsch ist», lass doch, aber ich, immer noch so pingelig-schweizerisch, musste es ja korrigieren). Das zweite Mal machte ich von selbst wieder kehrt, als ich die Schlange sah, die sich bis um die Ecke des nächsten Häuserblocks zog.

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Anstehen bei den Ämtern ist hier der Normalfall. (La Paz im Januar 2017; aber in Santa Cruz sieht’s nicht anders aus :))

Zurück zum Couvert. Vom selben Gelb wie der berühmte Folder und ca. im Format C6 (denn die Papierformate weichen hier meist um ein paar Zentimeter ab, ein anderes schönes Thema, das beim Ausdrucken meiner A4-Dokumente immer für viel Nerv sorgt).

ZURÜCK ZUM COUVERT.  Unsere Sekretärin leitete mich an, wo und wie die Adresse zu stehen kommen soll. In Minischrift musste ich schreiben, denn ausser dem, was wir unter Adresse verstehen, musste ich noch den Beruf des Empfängers sowie Telefon- und Faxnummer angeben. Leuchtet mir noch weniger ein als das mit dem Postfach, aber egal. Die Erklärung lautete: Falls sich irgend ein Problem ergibt und sie die Adresse nicht finden, können sie den Empfänger anrufen. Najaaaaa, aber dieses Problem wird sich ja erst in der Schweiz stellen, merkte ich an, denn bis dorthin reicht ja die Angabe in der letzten Adresszeile, «SUIZA», und von da an ist es das Problem der Schweizer Post – und die ruft den Seebacher Pfarrer bestimmt nicht an. Aber nach einer kurzen Diskussion habe ich mich gefügt. Die Telefonnummer MUSS aufs Couvert. Sorry Herr Pfarrer, jeder Pöstler zwischen Santa Cruz und Seebach kennt jetzt die Nummer der Kirchgemeinde…


Etwas im Inland zu verschicken, ist allerdings nicht einfacher. Als mir unsere Koordinatorin meinen Pass mit dem Visum aus La Paz schicken wollte, lief dies über einen Kurier – die liefern von Haus zu Haus im ganzen Land, und zwar innerhalb von zwei Tagen. Normalerweise. Im Fall meines Passes dauerte das Ganze etwa zwei Wochen, und wir mussten x Mal beim Kurier anrufen. Einmal meinte er, er habe geklingelt, aber es habe niemand aufgemacht. Klar, während der Mittagspause. Ein anderes Mal (und zwar, nachdem er ja schon da gewesen sein und geklingelt haben wollte) sagte er, er habe die Adresse nicht gefunden, da keine Hausnummer angeschrieben sei. ((Und dies stimmt nicht einmal – wir haben eine Hausnummer und sind stolz darauf!!)) Ob wir ihm nicht bitte ein Foto des Hauses, des Eingangs, der Strasse schicken könnten, damit er es leichter finde. Klar, mach ich, sagte ich, und schickte ihm das:

 

Ich glaub, er fands weniger lustig als ich. (Das wäre auch mal ein Thema, wie mein Humor hier oft nicht ankommt… Wobei, mir wurde schon in der Schweiz oft gesagt, ich hätte einen schrägen).

Zurück zur Postaustragung. Da so ein Kurier nicht ganz günstig ist, besteht die bevorzugteste Methode, Post zu überbringen, immer noch darin, sie einfach persönlich vorbeizubringen. Und zwar auch, wenn der Empfänger zig Kilometer weit entfernt wohnt. Das sieht dann etwa so aus: «Nicole, du fährst doch nächste Woche nach Yapacaní (*). Könntest du in fünf Gemeinden auf dem Weg anhalten, um die Einladungen für unsere nächste Versammlung zu überbringen?»

(*) zwei bis drei Stunden Fahrt von Santa Cruz, je nach Verkehr und Schlaglochsituation

Schon gut, dass das allermeiste hier über Whatsapp läuft, muss ich sagen… (Ja, auch offizielle Dokumente, Excel-Tabellen, Unterlagen zur Durchführung von wissenschaftlichen Umfragen, Druckvorlagen für Flyer und Banner, die Lösung von Computerproblemen (mit Screenshots) usw.) 😀

 

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