Die Raumpflegerin unseres Bürogebäudes hat mich heute im Hausflur gefragt: «Bist du verheiratet?» Ich habe mich langsam an die Frage gewöhnt, denn ich habe sie bestimmt schon hundert Mal beantwortet. Ich kann mich nicht erinnern, ob das in der Schweiz auch eins der ersten Dinge ist, die man wissen möchte, wenn man jemanden zum ersten Mal sieht – und sei es im Hausflur mit dem Besen in der Hand. Ich glaube nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass man in den ersten fünf Minuten nach Beruf und Arbeit gefragt wird. Ob dies bedeutet, dass dieser Aspekt als wichtiger betrachtet wird, um einen Menschen zu erfassen, einzuschätzen, zu kategorisieren? Oder ob die Frage nach Zivilstand und Familie in der Schweiz einfach als so privat, fast schon intim eingestuft wird, dass es nicht zum Katalog der ersten zehn Fragen gehört?

Ich sage dann immer, «Neiiiiin!» und versuche, mit meiner Tonlage und meinem Gesichtsausdruck von Anfang an klar zu machen, dass ich total zufrieden mit dieser Sachlage bin. Dennoch kann ich das obligate und immer etwa gleich verlaufende Gespräch, das darauf folgt, eigentlich nie vermeiden. In dem ich erklären muss, dass ich gerne alleine lebe, und warum, und dass ich nicht vorhabe, einen Bolivianer zu heiraten, dass ich mich nicht langweile, nein, im Gegenteil, dass ich die Freiheit geniesse, dass ich sonst vielleicht gar nicht hier wäre. Dass ich auch nicht vorhabe, Kinder zu bekommen, nein, auch das nicht, wirklich, und ja, dass ich sehr glücklich bin mit diesem Leben. Dass es weder Zufall noch unglückseliges Schicksal ist, dass ich nicht verheiratet bin, sondern eine ganz bewusste Entscheidung. Dass dies aber nur für mich selber gilt, dass ich  keineswegs behaupte, dass dies die beste Lösung für alle sei, bewahre! Und dass es ausserdem auch überhaupt nicht so ist, dass ich keine Kinder mag, im Gegenteil!

So. Und nach ungefähr zehn bis zwanzig Minuten Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen und Staunen kommen dann oft Bemerkungen wie: «Eigentlich hast du Recht!» Meine Vermieterin zum Beispiel – die sich immer Sorgen macht, ob ich mich wohl gut ernähre, so ganz allein, und mich aus diesem Grund immer wieder zum Essen einlädt – hat sich schon oft hinter vorgehaltener Hand beklagt, dass ihr Mann sie nicht arbeiten lässt und sie sich grauenhaft langweilt. Sie ist eigentlich Anwältin und hat gern gearbeitet, aber nach der Hochzeit entschied der Mann, dass sie lieber zu Hause bleiben soll. Aber nicht etwa, um den Haushalt zu schmeissen – sie haben eine Haushälterin, die alles erledigt. Wenn die Frau aus dem Haus geht, passt es dem Mann nicht. Wenn sie zu lange mit den Nachbarinnen spricht, ist er eifersüchtig (!!). Wenn sie Freundinnen zu sich einlädt, reklamiert er auch. Und als ich sie gefragt habe, warum sie das alles mitmacht, sagte sie einfach: «Er sagt, ich müsse das aushalten, er sei halt mein Mann.»

Zurück zur Raumpflegerin. Als ich ihre Frage verneinte, brach sie direkt in Strahlen aus und rief: «Super!!!» Ich muss wohl sehr verblüfft ausgesehen haben, denn sie beeilte sich hinzufügen: «Kein Mann, keine Probleme! Kein Wäschewaschen, kein Kochen, kein Gejammer. Du machst das genau richtig.» Ich konnte mich über das «Lob» nicht so richtig freuen.

 

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Cuatro Cañadas, Santa Cruz, Juli 2017

 

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