Oktober ist Alasitas-Monat in Santa Cruz. Bei den «Alasitas» handelt es sich zwar um eine Tradition aus den Anden, aber in diesem Fall schert sich das Tiefland nicht um kulturelle Unterschiede und die üblichen Ressentiments gegenüber den «Hochländern». In Santa Cruz’ grösstem Park, dem «Cambodromo», stehen einen ganzen Monat lang hunderte von Ständen, die alle erdenklichen Miniaturobjekte verkaufen. Wer daran glaubt, kauft in Klein, was er sich in Gross wünscht – ein Auto, ein Haus, ein Unidiplom, ein Baby, einen Partner oder einen Koffer voller Geldscheine –, lässt es für ein paar Bolivianos Aufpreis von einem der anwesenden Schamanen «behexen» und folgt den entsprechenden Anweisungen – zum Beispiel, das Objekt jede Woche mit Alkohol zu begiessen oder es zwischen roter Unterwäsche aufzubewahren. Im Verlauf eines Jahres soll sich der Wunsch dann «in echt» erfüllen.

 

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Wie es scheint, haben alle die eine oder andere Geschichte über Erfolg oder Misserfolg ihrer Alasitas auf Lager:

«Im einen Jahr habe ich mein Miniatur-Unidiplom nicht mit Alkohol begossen, und es hat nicht gewirkt. Im nächsten Jahr habe ich die Anweisung dann eins zu eins befolgt, und siehe da! Nun habe ich meinen Abschluss.»

«Ich habe ein Miniatur-Baby sowie eine Miniatur-Geburtsurkunde für eine Kollegin gekauft und auch auf ihren Namen behexen lassen. Aber ich habe vergessen, ihr die Urkunde zu geben, und sie ist nicht schwanger geworden. Erst als sie beide Objekte hatte, hat es geklappt.»

Wie auch immer, dachte ich, das Ganze ist sicher sehenswert, und so machte ich mich mit ein paar Kolleginnen auf den Weg in den Cambodromo. Vorher besprachen wir, was wir uns wünschen. Die eine wollte ein Haus, die andere ein eigenes Geschäft, die dritte ihre grosse Liebe treffen. Nur ich studierte mir das Hirn aus… «Inspriration!» sagte ich schliesslich. «Davon kann man nie genug haben.» Die anderen schauten mich schräg an. «Weiss nicht, ob es das gibt… », sagten sie zögernd. «Willst du nicht ein Auto? Geld?» Ich ging in mich und stellte mir die Frage ganz ernsthaft. «Nein, eigentlich nicht!» Ich meine, wenn ich plötzlich eine Menge Geld erben oder im Lotto gewinnen würde, wäre ich nicht traurig  – aber sich so etwas zu wünschen, wenn man ein Mal im Jahr die Chance hat, einen Wunsch im Schamanenfeuer zu platzieren?! Nein. «Dann vielleicht einen Freund?» Ich bekam einen innerlichen Lachanfall. Was dieses Thema betrifft, halten mich sowieso schon alle für total bescheuert – siehe Blogeintrag vom 28. September. «Nööö.» Und während mich wahrscheinlich niemand so recht verstand, war ich plötzlich überwältigt von der Erkenntnis, dass ich unglaublich glücklich bin mit meinem Leben.

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Ich hatte schon viele Diskussionen über Geld. Meine Schweizer Kolleg_innen rügen mich manchmal, weil ich keine meiner Lebensentscheidungen von Geld abhängig mache. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Job, der meinen Enthusiasmus in die Höhe schnellen lässt, und einem, der mir auch gefallen würde und bei dem ich drei Mal mehr verdienen würde, entscheide ich mich immer für ersteren. Wenn ich mit einem 50%-Job genug verdiene, um damit über die Runden zu kommen, investiere ich den Rest meiner Zeit in andere Projekte, ohne Bezahlung und mit viel Motivation. Wenn ich von einem monatlichen Gehalt lebe, das gemäss Schweizer Definition «unter dem Existenzminimum» liegt, komme ich damit über die Runden. Und wenn ich durch eine glückliche Fügung der Umstände gut verdiene, habe ich Ende Jahr trotzdem nichts gespart.

Was andere darüber denken, hat mich lange überhaupt nicht interessiert – bis ich mit verschiedenen Personen aus so genannten Entwicklungsländern über das Thema gesprochen habe. Erst dann habe ich verstanden: Die Haltung «Geld ist mir egal» ist ein Luxus. Nur jemand, der das Glück hat, in ein begünstigtes, komfortables Leben hineingeboren worden zu sein, kann sich diese Gleichgültigkeit leisten. Und mit einem komfortablen Leben meine ich nicht, reiche Eltern zu haben, die einen finanzieren, bis man mit 30 seinen ersten gutbezahlten Job hat. Ich meine: sich noch nie Sorgen darum gemacht zu haben, wie man nächsten Monat sein Essen bezahlen soll, oder die schon monatelang überfällige Miete aufbringen, damit man nicht auf der Strasse landet.

Ich kann mich nur so locker für den «minimal bezahlten» Job entscheiden, weil ich weiss, dass ich auch einen besser bezahlten finden könnte, wenn es nötig wäre. Und dass ich Arbeitslosengeld beziehen könnte, wenn nicht. Und IV, wenn irgend etwas passiert. Und Rente, wenn ich mal alt bin. Und und und… Doch wenn man in einem Land ohne Sozialversicherungen lebt – von Kriegs- und Krisengebieten rede ich erst gar nicht –, in einem Land, in dem nichts garantiert ist, in dem die Angst, kein Essen oder kein Dach über dem Kopf zu haben, REAL ist, wird jeder, der die Chance hat, den bestbezahlten Job annehmen, den er bekommen kann, und so viel arbeiten, wie es nur geht, denn er weiss nicht, wie lange er die Chance hat, ein wenig Geld zu sparen, für härtere Zeiten, für alle Fälle, für später… «Denk daran, was du alles Gutes tun könntest, wie viele Menschen du unterstützen könntest, wenn du deine Ausbildung und deine Möglichkeiten dafür einsetzen würdest, den «besten» Job zu bekommen, den du findest!», hat mir einmal jemand gesagt. Und ich werde den vorwurfsvollen Unterton in seiner Stimme niemals vergessen. Seit diesem Tag ist meine Freude darüber, dass mir Geld «von Natur aus» egal ist, nicht mehr so ungetrübt, sondern auch mit ein bisschen schlechtem Gewissen verbunden. An den Alasitas habe ich mir trotzdem nur zwei Amulette gekauft: eins für Gesundheit und eins für mehr Verbundenheit mit «Mutter Erde» Pachamama.

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