«Con calma» sagen sie mir hier gefühlt jeden zweiten Tag – «immer mit der Ruhe». Es ist wohl wahr, ich bin immer einen Tick schneller unterwegs als meine bolivianischen Kolleg_innen. Oder, wie sie meinen, einen Tick gestresster. Obwohl ich das Gefühl habe, dass hier alles – auch ich – viel entspannter vor sich geht als in der Schweiz. Schon wegen der Hitze, die schnelle Bewegungen unmöglich macht. Doch spätestens seit meine Chefin im jährlichen Situationsbericht für Comundo nur eine Anmerkung – eben, «con calma» – ins Feld «Konstruktive Kritik seitens der Partnerorganisation» geschrieben hat, mache ich mir ernsthaft Gedanken über mein mentales Tempo. Sogar in der Schweiz habe ich immer wieder Bemerkungen im Stil von «Den Stress machst du dir selber», «Du willst viel zu viel» oder «Mach mal einen Tag Pause» eingefangen. Das Problem ist, das ich so vieles so gern mache. Und das offenbar Unverständliche, dass das meiste davon mit meiner Arbeit zu tun hat. Eine (Schweizer) Kollegin meinte einmal kopfschüttelnd zu mir, man könnte meinen, Arbeit sei mein Hobby. Ich persönlich finde eigentlich, dass das kein Problem ist, sondern das Beste, was einem passieren kann. Vor vielen Jahren habe ich einmal jemandem geholfen, einen Fragebogen für eine Partnervermittlungsbörse auszufüllen. Auf die Frage «Würden Sie sagen, dass Ihre Arbeit Sie erfüllt?» hat sie mit einem dermassen verständnislosen Gesichtsausdruck reagiert, dass mein Bedauern für sie genauso überwältigend war wie meine Dankbarkeit über die Erkenntnis, dass ich die Frage mit «JA-zu100%» beantworten könnte – und damit wahrscheinlich zu einer Minderheit gehöre. Es ist ja nicht so, dass ich, von Arbeitslast erdrückt, gezwungen bin, auch in meiner Freizeit zu arbeiten. Im Gegenteil. Ich bin so motiviert, dass ich es freiwillig mache. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto unklarer scheint mir, was ich «Arbeit» und was ich «Freizeit» nennen soll. Zum Beispiel hatte ich in den letzten Monaten mehrmals die Gelegenheit, Artikel über Bolivien für das deutsche Magazin «Lateinamerika-Nachrichten» zu schreiben (zum Beispiel den hier). Da dies mit meiner Arbeit für Comundo/Acovicruz nichts zu tun hat, ich es in meiner Freizeit mache und ausserdem nicht dafür bezahlt werde, würde ich es klar als Freizeit-Aktivität bezeichnen – schliesslich mache ich es freiwillig. Und ausserdem sehr gern. Weil es soooo viel gibt, das mich interessiert. Zu dem ich gerne stundenlang recherchiere. Und über das ich gerne berichte, weil ich überzeugt bin, dass die Öffentlichkeit mehr darüber erfahren sollte, wenn sie es möchte. Bin ich ein Workaholic, weil meine Leidenschaft mit meinem Beruf zusammenfällt? Und soll das etwas Schlechtes sein?

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Natürlich klingt das jetzt alles dramatischer als es ist, und zur allgemeinen Beruhigung kann ich versichern, dass ich mich oft mit Freunden treffe oder in der Gegend herumreise… Wobei, beim Reisen beginne ich manchmal auch zu arbeiten – zumindest nehme ich an, dass oben genannte Kritiker_innen es Arbeit nennen würden: Vor kurzem hatte ich das Glück, zwei Kollegen in den Urwald des Amazonasgebiets begleiten zu dürfen. Sie arbeiten dort mit indigenen Gemeinden und haben mir den Gefallen getan, mich mitzunehmen, weil ich ihnen seit Monaten damit in den Ohren lag, wie unbedingt ich einmal dorthin wollte. Thema Nummer 1 war ein geplanter Staudamm, der eine grosse Besorgnis und Gefahr für die umliegenden Dörfer darstellt. Und obwohl mich niemand darum bat, zückte ich sofort meine Kamera und begann, Interviews zu machen – das Resultat kann ich hoffentlich bald hier veröffentlichen. War das nun Arbeit oder Freizeit? Und spielt es eine Rolle, wenn ich Feuer und Flamme dafür bin?

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Rio Beni, Rurrenabaque Bolivia ❤

Natürlich sind es genau diese Dinge, die mich manchmal in so genannte Stresssituationen bringen. Oder zumindest meine Abende und Wochenenden füllen. Und zwar nur, weil ich das Gefühl habe, ich müsse dieses «Arbeit» so schnell wie möglich abschliessen. Müsste ich natürlich überhaupt nicht – es würde keine Rolle spielen, ob es eine Woche oder einen Monat länger dauert. Aber da ich schon das nächste Ding im Kopf habe, will ich vorwärts machen. Und bei der «Arbeit» (also bei der offiziellen) läuft es oft ähnlich. Aber: Ist das schlecht?

Eigentlich will ich die Dinge mit mehr Calma angehen. Mal schauen, ob es mir gelingt. Denn die Zeit geht soooo schnell vorbei – ich bin schon fast ein Jahr hier und hab nur noch zwei! Und noch so viel, das ich machen muss— ich meine, möchte 😉 Vielleicht haben diejenigen, die mich mit dem verrückten Eichhörnchen aus Ice Age vergleichen, weil es immer so gehetzt herumrennt, doch Recht…

Okayyy, genug der Selbstreflexion. Nächstes Mal schreibe ich wieder über ein Thema mit mehr Bezug zu Bolivien – die Abholzung der Regenwälder. Den Blog schreibe ich übrigens auch in meiner Freizeit. Mit mucho gusto und meistens auch con calma, obwohl ich mich schon etwas unter Druck fühle, wenn ich zwei bis drei Wochen nichts geschrieben habe. Und da haben die Eichhörnchen-Leute vielleicht Recht: Den Stress mache ich mir selber.

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