Kürzlich hatte ich eine Diskussion mit einem der vielen «Petroleros» (Mitarbeiter von Ölkonzernen) hier in Santa Cruz. Er meinte, er liebe die Natur ja auch und sei sich bewusst, dass sie diese zerstören würden. Schade, sehr schade sogar, aber dies sei nun einmal der Preis der Entwicklung. Und Alternativen gebe es nicht. Naja, so heisst es immer, bevor jemand kommt und es anders macht. Wie zum Beispiel Costa Rica.

Ich fragte den Petrolero, was er unter Entwicklung verstehe, von deren Unabdingbarkeit er offenbar überzeugt ist. «Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Des Landes. Und somit der Menschen. Ein Ausweg aus der Armut.» Natürlich finde ich nicht, dass die Leute lieber arm bleiben sollen, wenn wir dafür die Umwelt schützen können. Aber die Frage ist, ob die, die er arm nennt, wirklich vom Gewinn der Ölfirmen profitieren? Eine andere Frage, viel weiterführend und vielleicht zu philosophisch für diese Diskussion: Was bedeutet Armut?

 

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Ich muss wohl etwas schnippisch herübergekommen sein, denn irgendwann meinte der Petrolero, ich mache es mir ganz schön einfach mit meiner Kritik, da ich schliesslich von den Erzeugnissen der gesamten extraktivistischen Industrie profitiere. Damit hatte er leider so Recht, dass die Diskussion ein abruptes Ende fand.

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Eine Kollegin erklärte mir kürzlich, sie bringe schon Opfer für den Umweltschutz, da sie den Müll trenne, einen Kompost betreibe und ihre Kleider von Hand wasche und damit Wasser spare. Ich dagegen bekenne mich einer Waschmaschine schuldig. Ein anderer Bekannter benutzt keine Plastiktüten und geht – in Bolivien seeehr aussergewöhnlich – mit der Jutetasche einkaufen. Ich dagegen bekenne mich auch dem Plastiktütenkonsum schuldig, da ich sie danach brauche, um den Müll auf die Strasse zu stellen (wie das hier so üblich ist). Die Kollegin ohne Waschmaschine hat in diesem Zusammenhang erzählt, dass ihr Vater den Müll einmal in grossen Eimern herausgestellt hätte, damit die Abfuhr sie leere, doch sie hätten die Eimer gleich mitgenommen.

Ich bin mich gerade ein bisschen resigniert. Ich habe zwar kein Auto und keinen Fernseher – brauche kein Benzin und spare Strom –, aber das sind beides keine grossen Opfer für mich. Man müsste Dinge tun, die einem den Verzicht richtig spüren lassen, oder, sonst zählt es nicht wirklich? Kein Handy mehr zum Beispiel. (Wie die Produktion von Handys den Regenwald zerstört.) Oder kein Gas zum Kochen benutzen. Würde in Bolivien wahrscheinlich bedeuten, gar nicht mehr zu kochen. Nicht mehr so viel reisen, vor allem nicht mit dem Flugzeug! Keine Produkte von Cola oder Nestle kaufen. OK, ich habe jetzt eine Pressstempelkanne (heisst imfall wirklich so) für unser Büro gekauft, um dem Nescafé hier definitiv den Garaus zu machen. Und Cola trinke ich eh nicht – aber auch dies ist kein grosses Opfer für mich. Aber Nestle hat mehrere tausend Untermarken, dass man doch eh längst nicht mehr weiss, wen man eigentlich mit dem Kauf von was unterstützt.

 

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© Greenpeace. Quelle

 

 

Es gibt viele, die auf diese Zusammenhänge noch nicht sensibilisiert sind und «sündigen», ohne es zu wissen. Und die, die es wissen und sich nicht darum scheren. So im Stil von, «Ich kann ja eh nichts machen, so ist halt die Welt.» Dann gibt es andere, die versuchen, ihr Leben in kleinen Schritten zu ändern und daran glauben, dass viele kleine Tropfen den Stein irgendwann höhlen. Doch ich sehe vor allem das, was meinen ökologischen Fussabdruck noch böse belastet und frage mich, warum es so schwer fällt, radikale Entscheidungen zu treffen und dann auch durchzuziehen. Manche sagen mir, ich sei zu selbstkritisch. Andere, ich soll mir überlegen, warum ich die Dinge, von denen ich weiss, dass ich sie eigentlich nicht mehr tun will, immer noch tue.

Die, die Hoffnung in die Kleine-Tropfen-Strategie setzen, sagen, dass Veränderung von unten kommen muss, aus der Bevölkerung. Die Hoffnung in die Regierungen haben wir längst verloren, denn diese folgen in der Regel der Marktlogik und den Anforderungen der Globalisierung. Alvaro García Linera, Boliviens Vizepräsident, gibt in seinem Verteidigungsschreiben zum Extraktivismus zu bedenken, dass nicht nur die Länder, die sich extraktivistisch betätigen, extraktivistisch sind, sondern auch diejenigen, die die gewonnenen Rohstoffe weiterverarbeiten, genau so wie die, deren Bevölkerung diese Produkte kauft: eben, Handys, Fernseher, Autos etc. Das weltweite System ist auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen angelegt, Länder wie Bolivien erfüllen «nur» ihre Rolle im Ganzen, indem sie die «Drecksarbeit» erledigen und Metalle, Gas und Öl aus der Erde holen. (Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen Garía meiner Meinung nach Recht hat.)

Klar, es gibt viele – und immer mehr – Bürgerinitiativen, die den berühmten kleinen Unterschied machen. Aber kommen wir damit irgendwo hin? Können wir damit das Ruder herumreissen, den dringend nötigen Wandel anzustossen? Oder muss es uns reichen, zu sagen, mehr als das können wir nicht tun – tun wir lieber, was wir können, anstatt nichts? Gerade während ich diesen Text schreibe, bekomme ich ein Interview mit Herbert Lenz zugeschickt, und der sagt: «Wir haben nicht mehr die Zeit, eine Transformation zu erreichen, also die Menschen mit Information und Überzeugung dafür zu gewinnen, ihr Verhalten Schritt für Schritt freiwillig umzukrempeln.» Das einzige, was uns noch retten kann, ist die «Ökodiktatur». Ein Beispiel:

Coffee to go. Diese vielen Pappbecher hat es vor zehn Jahren gar nicht gegeben. Da haben wir Coffee to sit gemacht, wir sind ins Café gegangen, haben den Kaffee aus einer Porzellantasse getrunken, und dann sind wir aufgestanden und weitergegangen. Aber dann hat sich der Gedanke verfestigt, man müsse auch unterwegs konsumieren können. Und so verbrauchen wir jeden Tag Millionen von diesen Bechern, und die müssen dann nach einmaligem Gebrauch eingesammelt und entsorgt werden. Wenn Sie den Menschen sagen, Ihr müsst bitte weniger Becher benutzen, werden Sie feststellen, dass dieser Appell nicht viel bringt. Ganz anderes Szenario, viel erfolgreicher: Diese Pappbecher dürfen schlicht nicht mehr hergestellt werden.

Es geht auch darum, alle Rohstoffe zu verstaatlichen, alle Waffen zu verbieten, große Agrar- und Lebensmittelkonzerne zu zerschlagen, den Verbrauch von Energie und Wasser zu besteuern und die Gehälter zu begrenzen – der oberste Chef darf nur noch das Zehnfache des kleinsten Angestellten verdienen.

So traurig es auch ist, aber ich glaube, Lenz hat recht: Nur mit Verboten und Regeln kann der Mensch davon abgehalten werden, seinen Lebensraum nicht in kürzester Zeit zu zerstören. Mit Vernunft oder sogar Gefühl kommt man in dieser Angelegenheit nicht weiter. In einem Kurs zu ich weiss nicht mehr welchem Thema hat ich weiss nicht mehr wer etwas gesagt, was ich nie vergessen werde: «Wenn wir die Wunden, die wir der Erde zufügen, in unserem eigenen Körper fühlen könnten, würden wir unseren kompletten Lebensstil von einem Tag auf den anderen ändern.»

 

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© und Quelle

 

 

 

 

 

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