Seit gestern bin in zurück in Bolivien und blicke auf einen sehr intensiven, aber auch sehr spannenden Monat in der Schweiz zurück. Im Rahmen verschiedener Veranstaltungen konnte ich mich über den Sinn und Zweck meiner Arbeit austauschen. Während der Vorbereitungen auf diese Reise habe ich mich mit steigender Intensität dem Hinterfragen nicht nur meines «Wirkens», sondern der gesamten Entwicklungszusammenarbeit hingegeben.

Die Entwicklungszusammenarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die so genannten Länder des Südens dabei zu unterstützen, sich weiter zu entwickeln, hin zu einem guten oder besseren Leben. Doch die Entwicklungszusammenarbeit hat nicht nur positive Spuren hinterlassen. Nachdem der so genannte Norden jahrzehntelang Missionare und später andere Experten in den Süden geschickt hat, sind viele Menschen dort davon überzeugt, dass die Weissen, die Gringos, die Europäer oder Amerikaner klüger sind als sie, gebildeter, erfahrener, und man davon abhängig ist, dass sie kommen und einem zeigen, wie man effektiver wirtschaften und besser leben kann. Mehr als ein Mal hat mir ein_e Bolivianer_in die Hand geschüttelt und mir gedankt, dass ich hierher gekommen bin und ihnen helfe. «Wir brauchen diese Hilfe, denn ihr wisst viel mehr als wir», sagen sie. Doch ich bin ganz im Gegenteil immer überzeugter davon, dass es eigentlich umgekehrt ist. Denn mit dem Lebensstil, den wir hier leben, zerstören wir den Planeten und damit unsere eigene Lebensgrundlage.

In den Dörfern rund um Santa Cruz bin ich Menschen begegnet, die nur wenige Jahre oder gar nicht zur Schule gegangen sind und mir doch klüger vorkamen als manche Akademiker, weil sie genau das nicht vergessen haben. Doch immer mehr ist zu beobachten, wie die Menschen und vor allem auch die Regierungen im Süden dem Modell des Nordens nacheifern – dem Modell, das Gewinn, Anhäufung und Wachstum für wichtiger hält als ein sorgsamer Umgang miteinander und mit der Natur.

Ich glaube nicht daran, dass von aussen aufgezwungene Prozesse wirksam sind. Ausserdem sind sie gar nicht nötig: Bolivien hat eine starke und aktive Zivilgesellschaft, die von sich selbst aus zum Wandel bewegen kann. Doch sie tut es auf ihre Art und Weise, und in ihrem Tempo. Wenn man diese Prozesse wirklich unterstützen will, muss man vor allem akzeptieren, dass die Dinge in Bolivien anders ablaufen als in der Schweiz. Oft wird stillschweigend davon ausgegangen, dass unsere Art der Entwicklung die bessere ist, die zielführendere, ein Modell für andere Länder. Doch diese Art der Entwicklungszusammenarbeit, die dem Süden die Logik und die Denkweise des Nordens aufzwingen will, ist nicht mehr als eine neue Art von Kolonialismus.

Darüber habe ich in den letzten eineinhalb Jahren viel nachgedacht und versucht, eine sinnvolle Rolle zu finden, ohne mich auf eine ungute Art und Weise einzumischen. Was ich tue, ist nicht mehr und nicht weniger als zu dokumentieren, was in den ländlichen Gemeinden passiert und wie die Zivilbevölkerung Wege findet, um sich zu wehren – gegen Korruption, gegen die Verletzung der Rechte von Frauen und Indigenen, gegen die Zerstörung der Natur aus Profitgier. Mir wird oft für meine Arbeit gedankt, doch ich sage immer: «Ich mache eigentlich überhaupt nichts. Ihr seid es, die das alles geschafft habt! Ich zeige nur, wie viel Kraft ihr habt und wie viel ihr bewegen könnt.» Und ich meine das vollkommen ernst. Ich bin nicht hier, um zu entwickeln. Ich bin vor allem hier, um zu lernen. Und wenn man das mit dem weltweiten Austausch ernst meint, müsste man Menschen aus Lateinamerika, aus Afrika, aus dem Nahen Osten und aus anderen Regionen nach Europa holen, damit sie uns einmal erklären, wie wir besser leben und arbeiten könnten. Nicht effektiver, sondern menschlicher. Oder noch besser: denjenigen zuhören, die bereits da sind: In der Schweiz leben mehr als zwei Millionen Migrantinnen und Migranten. Viele können nicht arbeiten, weil die Gesetze dagegen sind. Andere, weil das in der Schweiz anerkannte Diplom fehlt. Wieder andere, weil die meisten Arbeitgeber «Inländer» bevorzugen. Was läge näher, als sie einzubeziehen – gerade in die Organisationen und Institutionen, die mit Entwicklungszusammenarbeit zu tun haben? Wäre das nicht eine klassische Win-Win-Situation? Offenbar nicht, denn sonst würde es getan. Es stellt sich die Frage, wie ernst «wir» es meinen mit dem gegenseitigen Lernen. Ob «wir» Angst haben, dass «sie» sich einmischen und all unsere Werte in Frage stellen. Dass wir nicht mehr verbergen könnten, dass unser Modell eben doch nicht das Vorbild für die ganze Welt sein kann, wenn wir zum Beispiel darüber nachdenken, welche Auswirkungen unser Haushalten auf die nächsten sieben Generationen hat – und auf die jetzige.

 

NVLU7213
Workshop im Frauentreff Café Dona in Zürich
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