COMUNDO führte zwei Jahre lang eine Debatte darüber, ob «Entwicklung» überhaupt noch vertretbar ist oder ob man den Ansatz «Alternative Entwicklung» gleich durch «Alternativen zu Entwicklung» ersetzen müsste. NGOs und Entwicklungskritiker_innen in Bolivien diskutieren beides, wobei die «Alternativen zu Entwicklung» an Beliebtheit gewinnen (vergleiche auch Beitrag vom 6. August 2017). Das ewige Thema hier ist die Produktion von Energie. Bolivien fördert Erdöl und Erdgas – seit neustem ist auch Fracking erlaubt –, und zwar grösstenteils für den Export. Im nationalen Strategieplan «Agenda Patriótica 2025» hat sich das Land zum Ziel gesetzt, zum «energetischen Herz Südamerikas» zu werden. Dies ist zwar absurd, da Bolivien selbst mit den geplanten Megaprojekten nur einen Bruchteil des Energiebedarfs des Kontinents decken würde,  aber die Grundlage für den politischen Diskurs, der eben diese Megaprojekte rechtfertigt.

Die grossen Staudammprojekte, die Bolivien plant, sind keine Hinwendung zu Alternativenergie: Sie sollen die Förderung fossiler Brennstoffe nicht ersetzen oder mindern, sondern ergänzen, um insgesamt mehr Energie exportieren zu können. Parallel zu den Staudammplänen soll zum Beispiel im Naturschutzgebiet Tariquía im Departement Tariija nahe der argentinischen Grenze nach Ölvorkommen gebohrt werden. Ausserdem gilt Wasserenergie nur so lange als sauber, als sie keine schädlichen Nebenwirkungen auf Mensch und Umwelt hat. Im Fall der grossen Staudammprojekte dagegen würden nicht nur tausende von indigenen Familien ihre Lebensgrundlage verlieren, sondern auch Ökosysteme zerstört: Die Stauseen von bis zu 800 Quadratkilometer Grösse würden grosse Flächen von Urwald – und mit ihnen der Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten – versenken. Beim Zersetzungsprozess der Bäume wiederum würde Methangas freigesetzt, ein Treibhausgas, das mit für den Klimawandel verantwortlich ist.

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65 Prozent der Energie soll bis 2025 aus so genannten Mega-Staudämmen gewonnen werden. Der vorgesehene Anteil an Alternativenergie macht nur 2 Prozent aus.

 

Auf Facebook wurde ich angegriffen, weil ich die extraktivistische Politik Boliviens kritisiere und für Alternativen plädiere. Als Europäerin stehe es mir nicht zu, Kritik zu üben, ohne die Realität der Entwicklungsländer zu kennen, die auf die Förderung und den Verkauf von Rohstoffen angewiesen seien, um das Volk aus der Armut zu führen, während Europa den Luxus gehabt habe, seine Technologien weiterzuentwickeln, und über Gelder für Alternativen verfüge. Bolivien sei dabei, Alternativenergien zu fördern, aber um sich dies leisten zu können, müsse erst Einkommen generiert werden – über die Förderung fossiler Brennstoffe. In einem Punkt gebe ich der Kritik vollkommen Recht: Es ist sehr einfach und grenzt an Arroganz, sich als Ausländerin in die Diskussion über solche Themen zu einzumischen. Auch wenn es ein schlechter Witz ist, dass das bolivianische Volk von diesen Geschäften profitiert. Die Gelder, die der Rohstoffexport einbringt, sacken in erster Linie die staatlichen und privaten Unternehmen ein. Ausserdem macht es keinen Sinn, Milliarden von Dollar in Staudämme, Minen und Ölförderung zu investieren, um mit dem Einkommen, dass vielleicht irgendwann daraus resultiert, die Förderung alternativer Energien finanzieren zu können. Würde man das selbe Geld zum Beispiel in den Bau von Solarzellen stecken, käme man schneller und sauberer ans «Ziel».

Worin mein Kritiker fehlgeht: Man wird mich niemals sagen hören, dass «wir» es in Europa besser machen. Im Gegenteil. Ich stehe in der ersten Reihe, wenn es um Kritik am «Norden» geht. Denn die Rohstoffe, die hier aus der Erde gerissen werden, bedienen vor allem die Nachfrage bzw. den Konsumwahn Europas und der USA. Wenn über Klimawandel gesprochen wird, einigt sich die internationale Gemeinschaft auf Quoten zur Reduktion von Emissionen. Die Frage ist jedoch, wo die Produkte konsumiert werden, mit deren Herstellung diese Emissionen zusammenhängen. Es ist einfach, Länder wie China für den hohen Ausstoss zu kritisieren, wenn man nicht bedenkt, dass in China vor allem fürs Ausland produziert wird.

In Bezug auf Bolivien überzeugt mich der Ansatz des kritischen Denkers Pablo Solón, den ich letzte Woche in einem Workshop just zum Thema «Alternativen zu Entwicklung» hören durfte: Wenn wir wirklich eine Alternative zu Entwicklung anstreben, müssen wir auch überdenken, wer die Energieproduktion kontrolliert. In Bolivien ist dies wie in vielen Ländern der Staat. Solón schlägt vor, ländlichen Gemeinden Kredite zu geben, damit sie ihre eigenen Solarzellen bauen können – nicht nur zur Selbstversorgung, sondern auch für den Verkauf. Auf diese Weise wären sie energetisch nicht mehr vom Staat abhängig und könnten darüber hinaus Einnahmen generieren. Die Idee ist gut, doch die Umsetzung zurzeit undenkbar: Denn damit würde der Staat sein Monopol und viel zu viel Macht verlieren. Ausserdem, wenn sich das Modell verbreitet, Einnahmen, die die Regierung ja für ihre Staudamm- und Ölprojekte braucht…

 

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Buchcover von Eduardo Gudynas‘ Buch «Extractivismos»

 

 

 

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