Es geht mir gut. Es ist alles in Ordnung. In bester Ordnung. Nur die Welt nicht.

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Ich war krank. Vor vier Wochen wurde ich mit so starken Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert, dass ich mich fast nicht mehr bewegen konnte. Man gab mir fünf Tage lang Schmerzmittel, am Ende Morphium, weil man nicht wusste, was ich hatte. Gegen das Fieber gab es andere Medikamente, auch wenn ich mich zu weigern versuchte. Ich wollte abwarten, ob das Fieber von alleine sank. Ich beharrte darauf, dass das Fieber eine bestimmte Funktion hat, nämlich dem Körper zu helfen, das, was ihm Unbehagen bereitete und also das Fieber selbst verursachte, herauszuarbeiten. Ich habe mich, auch wenn ich fast nicht aufstehen konnte, mit Müh und Not hochgezogen, um die Klimaanlage auszuschalten und mir meine zwei Wolldecken wiederzuholen, die sie mir weggenommen hatten, weil es hier heisst: Bei Fieber muss man den Körper runterkühlen, auch wenn er vor Kälte schlottert. Ich will damit nicht sagen, dass die Gesundheitsversorgung in Bolivien schlecht ist. Mein Misstrauen gegenüber der Schulmedizin und den zugehörigen Ärzt_innen ist in der Schweiz genau so gross. Und ich bin dort eine genauso nervige Patientin, die alles hinterfragt und über alles diskutiert, obwohl sie ja freiwillig im Spital ist und sich dem Urteil genau jener Schulmedizin und genau jener Ärzt_innen überlässt, um gesund zu werden. Obwohl sie ständig betont, keine Medikamente nehmen zu wollen und alles natürlich-pflanzlich zu behandeln. Dennoch habe ich an jenem Morgen, als ich gekrümmt vor Schmerzen aufgewacht bin und gewusst habe: das ist etwas Schlimmes, nicht eine Sekunde lang gezögert. Offenbar ist auch in mir, ohne dass ich das will, der Glaube erschreckend tief verankert, dass in ernsten Fällen eben doch zur Schulmedizin zu greifen ist.

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Eben. Ich will nicht sagen, dass die Gesundheitsversorgung in Bolivien schlecht ist. Das ist zwar so – aber nicht für Leute wie mich. Nicht für privilegierte Weisse, die eine Krankenkasse in der Schweiz haben, die alles zahlt und es einem freistellt, in welcher Klinik man sich behandeln lässt. Einer der Gründe, warum ich keinen Besuch von meinen Arbeitskolleg_innen wollte, war, dass ich mich schämte. Ich wollte nicht, dass sie sahen, dass ich in einer Privatklinik lag, deren Zimmer wie in einem Fünf-Sterne-Hotel ausgestattet waren. In der sämtliche Medikamente und Materialien vorhanden waren, die benötigt wurden. Ein Bekannter von mir ist schon länger schwer krank und muss sich immer wieder im Krankenhaus behandeln lassen. Als sie ihm einen Herzschrittmacher einsetzen mussten, wurde der Ehefrau gesagt, es fehle ein Teil. Sie wüssten nicht, wo es zu bekommen wäre, aber sie müsste es auftreiben, um das Leben ihres Mannes zu retten. Ob sich die Familie dieses Teil dann leisten kann, ist eine andere Frage. In diesem Fall war es zum Glück so, doch in vielen anderen eben nicht. Und dann stirbt man.

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In meiner Luxusklinik meldete ich mich einfach bei der Notaufnahme an, und nachdem meine Krankenkasse bestätigt hatte, dass sie alle Kosten übernehmen würden, egal wie hoch, war der Fall erledigt. Ich brauchte mich um nichts mehr zu kümmern. Mein Bekannter, der seit Jahren an starken Schmerzen leidet, muss sich morgens um fünf  in eine Schlange stellen, um ein Nümmerchen zu ziehen, das ihn zu einer Konsultation beim Arzt berechtigt. Doch die Nümmerchen sind schnell aus, und wenn er kein Glück hat, muss er sich am nächsten Tag wieder anstellen, diesmal vielleicht schon um halb fünf. Ich dagegen lag zwei Wochen lang in meinem Luxusbett, ohne mich um irgend etwas kümmern zu müssen.

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Als nach der Operation Fieber und Schmerzen immer wieder hochschlugen und mit Medikamenten bekämpft wurden, den Ärzten jedoch Unverständnis und Sorgen bereiteten, bis einer einmal im Scherz sagte, ich glaube, wir holen einen Schamanen, glaubte ich weniger denn je an die Schulmedizin. Trotzdem weiss ich, dass ich gestorben wäre, wenn sie mich nicht operiert hätten. An einem dieser Abende ging ich im Korridor hin und her, weil mir der Arzt verordnet hatte, mich zu bewegen, und als ich an einem Fenster vorbeikam, sah ich, dass es eine Vollmondnacht war. Über dem hektischen Hin und Her der Stadt stand er ganz still, der Mond, ganz gross, vollkommen unbeeinträchtigt und unbeeindruckt von all dem Lärm und Geschrei der Strasse. Und ich erinnerte mich an eine uralte Kraft, an eine uralte Weisheit, die über aller Wissenschaft steht. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Ich habe es einfach getan. Und es war das Natürlichste und das Einfachste der Welt. Das Naheliegendste. Ich habe mich so aufrecht hingestellt wie ich konnte, und dem Mond direkt ins Gesicht geschaut. «Ich kann nicht mehr», habe ich gesagt. «Ich habe keine Energie mehr. Lass mich diese Verbindung zu dir aufnehmen, an die die Menschen heute nicht mehr glauben, leite mich, füll mich mit deiner Energie, und ich übergebe mich voll und ganz deiner Führung. Ich werde ab jetzt keine Angst mehr haben, ich werde voll Vertrauen sein.» Dann ging ich schlafen. Als ich am nächsten Tag aufwachte, war ich von jenem Gefühl erfüllt, das den ersten Tag der Genesung kennzeichnet. Ich hatte noch ein bisschen Schmerzen und fühlte mich unendlich schlapp, konnte fast nicht aufstehen und die Arme taten mir weh von den Infusionen, aber ich wusste: Jetzt wird alles gut. Nur die Welt nicht. Die Welt, in der ich hier liege und meine bolivianischen Freunde in einem Krankenhaus, in dem es nicht einmal genug Medikamente gibt.

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Von diesem Tag an beschränkten sich die Schmerzen auf ein Minimum, und das Fieber kam nicht mehr zurück. Die Ärzte, die schon wieder begonnen hatten, Untersuchungen zu machen, und mir ständig sagten, dass ihnen das alles gar nicht gefiel und sie nicht recht wüssten, wie man mir helfen konnte, waren über die plötzliche, rapide Besserung meines Zustands noch viel erstaunter als über die vorhergehenden Komplikationen. Die Geschichte vom Mond nahm niemand ernst. Doch ich habe begriffen, dass ich dem Ärztewissen, der «Wissenschaft», dem Schulwissen und dem «Fortschritt» so wenig vertraue, dass ich mich vor Angst verkrampfe, damit – wie mir täglich gesagt wurde – den Schmerz noch verstärke und meinen Zustand selbst verschlechtere. Doch «entspann dich» ist leichter gesagt als getan, wenn sie einen mit Nadeln und Medikamenten traktieren, die einem zwar wahrscheinlich helfen, doch schmerzen, brennen, bluten und Halluzinationen verursachen. Entspannung hat mit Vertrauen zu tun. Und dieses habe ich an einem ganz anderen Ort, in einer ganz anderen Dimension gefunden. Ich habe begriffen, dass mein Vertrauen in uralte Weisheiten so tief ist wie mein Misstrauen gegenüber der so genannten Wissenschaft. Dass ich mich einer Verbindung mit einer alten Energie- und Heilquelle so hingeben kann – ohne dass ich mir dessen vorher in diesem Ausmass bewusst war –, dass sich in ihr meine Selbstheilungskräfte und meine Lebensfülle entfalten können wie die Blüte einer Blume im Zeitraffer. Und dies, obwohl mir vollkommen klar ist, dass diese Geschichte für die meisten etwas seltsam klingt, etwas unglaubwürdig, etwas esoterisch, und dass sie entweder medizinisch-wissenschaftliche Erklärungen dafür haben oder zumindest daran glauben, dass es solche gibt, wenn sie sie auch nicht kennen. Dass sie mein Wissen nicht für Wissen, sondern für Glauben, wenn nicht für Aberglauben halten, und höchstens anerkennen, dass solches Zeug manchmal schon funktioniert, «wenn man daran glaubt», wie ein Placebo, oder dass es schon okay ist, mich in meinem Glauben zu lassen, wenn’s mir denn hilft. Andere werden sagen, dass sie mir glauben, doch dass es nicht der Mond war, der mich gerettet hat, sondern Gott. Doch das macht für mich überhaupt keinen Unterschied – es spielt nicht die geringste Rolle, welchen Namen wir den Kräften geben, die im Universum wirken. Das einzige, was eine Rolle spielt, ist dass ich sie spüre, immer wieder, und zwar umso stärker, je mehr ich sie brauche.

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