Ich weiss, dass viele es anstrengend finden, dass ich immer über «Politik» rede. Wobei ich nicht genau weiss, was der Begriff für sie genau umfasst. Ich glaube, alles von Abstimmungen über Menschenrechte und Umweltschutz bis hin zu allgemeiner Gesellschafts- oder «System»kritik. Liebe Leute, ich bitte euch: Meldet euch von meinem Blog und meinem Mailverteiler ab, wenn ich euch nerve. Ich habe keinerlei Interesse daran, euch mit Themen zuzuspamen, die für euch keine Bedeutung haben. Wenn ihr euch aufregt, weil ihr eine andere Meinung habt, würde ich mich dagegen sehr freuen, wenn ihr mir diese darlegt – wenn nicht als öffentlich einsehbarer Kommentar, dann per Mail, per Skype, per Whatsapp oder sonst irgendwie. Es gibt nichts Wichtigeres als Inputs, Denkanstösse und Einwände. Entweder helfen sie mir, Aspekte zu sehen, die ich bisher ausgeblendet habe, oder sie festigen meine Perspektive, weil ich klar und fundiert dagegen argumentieren kann. In beiden Fällen befruchten sie meinen Denkprozess, und ein besseres Geschenk könnte ich mir von niemandem wünschen.

Ich spreche nicht über «Politik», um zu nerven, zu nörgeln, euch die Lebensfreude zu vergällen oder die Moralkeule zu schwingen. Ich spreche darüber, weil ich jeden Tag über das Leben nachdenke. Jeden einzelnen Tag. Ich kann nicht anders. Manche sagen, ich sei obsessiv, manche, ich sei arbeitssüchtig. Doch das hat nichts mit Arbeit zu tun, zumindest nicht mit Arbeit im landläufigen Sinn. Je länger ich lebe, desto unausweichlicher wird mein Drang, alles zu hinterfragen. Früher dachte ich, dass alle dies tun sollten. Kritisierte insgeheim oder offen, dass viele die Verhältnisse einfach so hinnehmen und sich weder ihrer allumfassenden Privilegien noch der Konsequenzen ihrer Lebensweise bewusst sind. Es machte mich wütend, und ich wollte missionieren. Meine Freundinnen und Freunde aufrütteln. Wenn sie nur wüssten, wie das alles wirklich läuft auf der Welt, würden auch sie beginnen, zu nerven, zu nörgeln und die Moralkeule zu schwingen. Ich war der hehren Überzeugung, Menschenrechte und der Schutz des Planeten müssten von immenser Wichtigkeit für alle sein. Ich war arrogant. Jedes Leben dreht sich um einen anderen Mittelpunkt, und niemand hat das Recht, darüber zu urteilen, was besser oder wichtiger ist.

Ich werde nicht aufhören, darüber zu reden, dass in der Türkei Menschen gefoltert werden, weil sie sich gegen eine Diktatur stellen. Dass praktisch kein_e Journalist_in mehr auf freiem Fuss ist, die etwas gegen die Regierung geschrieben hat. Und dass die Schweiz Asylgesuche ablehnt, weil der oder die Gesuchstellende in der Türkei als Terrorist_in angeklagt wurde. Wohl wissend, dass der grösste Teil dieser Angeklagten oben genannte Journalist_innen sind, die noch nie in ihrem Leben eine Waffe in der Hand hatten. Ich werde nicht aufhören, über die Abholzung des Regenwalds zu reden, über die Produktionsbedingungen von Kleidern, Handys, Spielsachen, Kosmetikprodukten, Schmuck und Schokolade. Über die systembedingte globale Ungerechtigkeit und die Selbstgefälligkeit des globalen Nordens. Über die Fussstapfen von internationalen Konzernen. Über Nestlé, Monsanto und Glencore. Aber ich erwarte nicht mehr, dass mir alle zuhören. Im Gegenteil. Manchmal wünsche ich mir, ich müsste mir selbst nicht immer zuhören. Manchmal stelle ich mir vor, wie unbeschwert man leben könnte ohne «Politik». Und dass wir alle ein Recht darauf haben, unbeschwert zu leben. Dass wir an den Verhältnissen sowieso nichts ändern können – ja, ehrlich, manchmal glaube ich das wirklich. Denn ich sehe, wie unendlich schwer es mir fällt, nur schon mein eigenes Leben zu ändern. Auf Dinge zu verzichten. Gut, ich hatte nie ein Auto – aber, ganz ehrlich, dies liegt auch daran, dass mir diese Vehikel irgendwie unheimlich sind. Dafür fliege ich viel zu viel. Ich kaufe zu viele Kleider. Benutze immer noch Plastiktüten. Esse Avocados, obwohl ich weiss, dass für die Produktion von einem Kilo 1’000 Liter Wasser verbraucht werden, ganz zu schweigen davon, dass in Mexiko bis zu 4’000 Hektar Wald pro Jahr gerodet werden, um die weltweit steigende Nachfrage an Avocados zu decken. Die Liste meiner Sünden wäre endlos. Aber selbst wenn ich an mir selbst nur Schritt für Schritt ganz kleine Bisschen ändere und im Grunde davon überzeugt bin, dass der Mensch den Planeten ohnehin innerhalb weniger Generationen so weit zu Grunde richten wird, dass er selbst ausstirbt und sich die Natur in den nächsten Jahrtausenden wieder erholt: Ich kann nicht aufhören, über all das nachzudenken. Ja, vielleicht sollte ich dies einfach ganz in Ruhe tun und meine Klappe halten. Vielleicht sollte ich aufhören, die Leute zu nerven. Aber vielleicht auch nicht. Mein Lösungsvorschlag ist, wie gesagt: Meldet euch von meinen Verteilern ab und gebt mir zu verstehen, dass ich euch auch privat nicht mit diesen Themen kommen soll. Vor fünf Jahren hätte ich mich noch darüber aufgeregt, aber inzwischen finde ich es vollkommen legitim. Ehrlich. Ich bin weder empört noch beleidigt. Vor allem aber nehme ich es nicht persönlich. Ihr müsst euch nicht für das interessieren, was ich tue oder sage, nur weil ihr mit mir befreundet seid. Im Ernst. Ich höre ich euch bestimmt auch viel zu wenig zu. Interessiere mich bestimmt auch viel zu wenig für das, was ihr tut oder sagt.

Ihr werdet mich nicht zum Schweigen bringen. Aber ich denke darüber nach, längerfristig nicht mehr unter meinem eigenen Namen zu publizieren, denn es spielt überhaupt keine Rolle, wer ich bin. Es spielt keine Rolle, wer über «Politik» spricht. Das einzige, was eine Rolle spielt, ist, dass überhaupt darüber gesprochen wird. Und dass diejenigen zuhören und mitsprechen, für die es irgend eine Bedeutung hat. Alle andern: Sprecht mit mir über das, was euch beschäftigt. Auch wenn ich manchmal schlecht im Zuhören bin, interessiere ich mich eigentlich für alles. Und hört nicht auf, mich zurechtzuweisen, wenn ich zu viel rede. Seid hart zu mir. Ich lerne gerade, dankbar zu sein für alles, vor allem für Zurechtweisungen und radikale Einwände. Es ist nicht einfach, aber ein gutes Training. Das nächste Mal schreibe ich über Dankbarkeit.

 

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