Seit meiner Operation habe ich viel nachgedacht. Über Wissenschaft und Spiritualität, aber auch über Dankbarkeit. Als ich damals genug fit war, um wieder zu schreiben, war das erste, was ich von mir gab, ein Misstrauensvotum gegenüber der Schulmedizin. Überall habe ich meine Mondgeschichte erzählt, die im Übrigen weiterhin zu den eindrücklichsten Erfahrungen meines Lebens zählt. Aber vielleicht habe ich vergessen, zu erwähnen, dass ich natürlich auch an die wissenschaftlichen Erkenntnisse der medizinischen Forschung glaube. Natürlich. Sonst wäre ich ja an jenem Tag nicht ins Krankenhaus gefahren. Und natürlich ist mir bewusst, dass mir die Operation, die Medikamente und das Fachwissen der Ärzt_innen das Leben gerettet haben. Dass sie dies täglich tun, überall auf der Welt. Es gibt wahrscheinlich kaum jemanden, der dies abstreitet. Nur glaube ich, dass das Technisch-Physische nicht die einzige Komponente des Heilungsprozesses ist; das Gleiche gilt übrigens auch für den Erkrankungsprozess.

Gestern musste ich zur Nachkontrolle eine Darmspiegelung durchführen lassen. Der Befund ist unauffällig, ich bin gesund. Ich habe den Ärzt_innen und dem Pflegepersonal noch einmal Schokolade aus der Schweiz versprochen, denn natürlich bin ich ihnen dankbar. Natürlich. Doch als ich auf dem «Schragen» lag und sie anfingen, mir das Narkosemittel einzuflössen, wurde mir plötzlich, ganz unerwartet, bewusst, dass ich nicht nur Dankbarkeit empfinde, sondern auch Vertrauen – Vertrauen in die Kenntnisse und Fähigkeiten der Menschen, die seit Jahren in diesem Spital arbeiten. Vertrauen in die medizinischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte. Sie haben mir einen grossen Abszess aus dem Bauch entfernt, und übrig geblieben sind nur drei fünf Millimeter grosse Narben. Ich war selbst überrascht über diese plötzliche Einsicht. Dass sie schon wissen, was sie tun. Dass Medikamente und Operationen durchaus ihre Funktion erfüllen. Dass sie massgeblich zur Heilung beitragen. Doch eben: nicht nur sie.

Ich habe in den letzten Monaten intensiv an meiner Heilung gearbeitet. Ganz ohne Arzt, ganz ohne Wissenschaft. Sondern mit Meditation, mit Reiki und mit einem peruanischen Schamanen. Ich weiss, dass die meisten nicht daran glauben. Aber ich weiss auch, dass das überhaupt keine Rolle spielt. Drei Nächte lang musste ich in Alpakawolle eingewickelte Qullpa-Steine, die dem Körper die negative Energie entziehen, auf bestimmte Stellen meines Körpers legen. Jeweils morgens um fünf ein Glas Wasser trinken und mich dann wieder hinlegen, da um diese Zeit der reinigende Fluss durch die Blase besonders effektiv ist. Dann stieg der Schamane mit mir auf einen heiligen Berg, verbrannte die Steine mit der negativen Energie, räucherte, versprühte verschiedene Wässerchen, brachte Instrumente zum Klingen und kommunizierte mit den Apus, den Spirits der Anden. Er holte meinen geistigen Begleiter zurück, dessen Abwesenheit mich geschwächt hatte und der ihm zu verstehen gab, dass er mich zwei Monate zuvor verlassen hatte, als ich eine Art Schock erlitten habe. Dies stimmt ziemlich genau mit dem Zeitpunkt meiner Operation überein und beschreibt auch den emotionalen Zustand, in dem ich mich damals befunden habe, sehr gut. Doch bevor er mit der Zeremonie begann, nahm er mir an verschiedenen Stellen den Puls. Er erklärte, mein Darm sei auf der linken Seite leicht verschoben, und in meinem Herze nehme das Blut nicht den normalen Weg. Beides entspricht der Wahrheit und ist wissenschaftlich bestätigt, das mit dem Darm weiss ich seit meiner Operation, das mit dem Herzen, seit ich drei Jahre alt bin. Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch in den Methoden der Schulmedizin und denen des Schamanen. Das einzige, was ich für problematisch halte, ist der Anspruch auf Absolutheit, den die wissenschaftliche Weltsicht erhebt, obwohl sie nur einen Teil der Realität abbildet.

Heute habe ich zum ersten Mal die Bilder angeschaut, die vor und nach meiner Operation von meinem Inneren gemacht wurden – die eindrücklichsten Nacktbilder, die ich je gesehen habe.

 

 

Der Körper ist eine perfekte Maschine. Doch eben nicht nur. Egal, ob man ihn als Wunder der Natur oder als Schöpfung Gottes betrachtet – was im Grunde das selbe ist –, gibt es irgend jemanden, der angesichts dessen nicht tiefe Ehrfurcht und Dankbarkeit empfindet? Und wir können gar nicht genug dankbar sein, auch dem eigenen Körper gegenüber: So oft ernähren wir uns hastig oder ungesund, muten den Lungen, dem Darm und der Haut Gifte zu, und dennoch funktionieren sie weiter, pulsieren, Sekunde für Sekunde, während wir uns mit irgend etwas anderem beschäftigen und uns nicht im Geringsten bewusst sind, was eigentlich in uns abgeht. Doch es geht noch weiter: Alles, was wir uns einverleiben, kommt von der selben Natur oder vom selben Gott. Als ich 11 Jahre alt war, fuhr ich mit der Pfarrerstochter in die Ferien. Vor dem Essen wurde gebetet: «Wir danken dir, Herr, für Speis und Trank.» Und ich fühlte überhaupt nichts. Ich verstand zwar, worum es ging, doch das Verständnis senkte sich nicht bis in mein Herz hinab. Bei mir zu Hause wurde nicht gebetet. Der Gott der Kirche war mir fremd. Und ich schämte mich dafür – für meine Unfähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden.

25 Jahre später, in meiner ersten Woche in Bolivien, änderte sich das radikal. Bei einem Essen mit indigenen Feministinnen fand ich vollkommen unerwartet das Tischgebet wieder, das bisher immer Beklemmung in mir ausgelöst hatte, weil ich es nie geschafft hatte, miteinzustimmen. Doch hier hiess es anders: «Wir danken Mutter Erde, dass sie uns ernährt, sowie den Bäuerinnen und Bauern und denen, die das Essen zubereitet haben, für die Arbeit ihrer Hände.» Und in mir ging eine ganz neue Welt auf. In diesen Dank konnte ich von ganzem Herzen einstimmen. Und realisierte gleichzeitig, dass mit «Wir danken dir, Herr, für Speis und Trank» genau das Gleiche gemeint war.

Dann begann ich, mich mit der hawaianischen Philosophie des Ho’oponopono zu befassen, die aus Praktiken des Verzeihens und der Dankbarkeit besteht. Ihre fünf Grundsätze «Ich vergebe dir. Ich bitte um Vergebung. Ich vergebe mir. Ich liebe dich. Ich liebe mich» kann man auf alles mögliche anwenden, nicht nur auf die Familie, die Ahnenreihe oder die Arbeit, sondern eben zum Beispiel auch aufs Essen: «Geh achtsam mit Lebensmitteln um. Hab Mitgefühl mit den Menschen, die mit deinen Lebensmitteln in Verbindung stehen, wie zum Beispiel die Bauern und ihre Helfer, die Lieferanten, die die Lebensmittelläden beliefern, und die Angestellten in den Geschäften, in denen du einkaufst. Vergib allen Menschen, die deine Lebensmittel und damit auch dich negativ beeinflusst haben. Bitte um Vergebung, wenn du deine Lebensmittel gering geschätzt hast. Vergib dir, wenn du Menschen, die dazu beigetragen haben, dass dir Lebensmittel zur Verfügung stehen, nicht wertgeschätzt hast. Liebe alle Menschen, die mit deinen Lebensmitteln in Verbindung stehen. Liebe dich.»

 

 

Wir sind perfekt. Unser Körper ist perfekt. Die Erde ist perfekt. Und anstatt darüber nachzudenken, wie viele Pestizide unser Gemüse enthält, wie viel Schaden wir uns und der Umwelt mit all den wissenschaftlichen Erfindungen zufügen – was ich bekanntlich oft mache –, könnten wir auch einmal in uns gehen und versuchen anzuerkennen, wie anbetungswürdig das ganze Leben ist. Ich glaube sogar, dass das gesund ist: dass wir weniger krank werden, wenn wir dankbar sind. Trotz Pestiziden. Denn der Körper ist nicht nur eine Maschine. Danke.

 

 

 

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