Das zweite Bad war nicht einmal ein Bad

In der Schweiz und in vielen anderen europäischen Ländern ist Rassismus so alltäglich geworden, dass er gar nicht mehr auffällt. Vor einigen Monaten ist die Mutter meines damals noch nicht einmal jährigen Patenkindes vor ihrer Haustür in Bern von einem Wildfremden angerempelt worden. Statt sich zu entschuldigen, hat er sie angeschrien und mit Ausländer-raus-Parolen beschimpft. Er hat versucht, sie zu schlagen, und den Kinderwagen mit einem Fusstritt umzustossen. Niemand hat eingegriffen oder auch nur ein Wort gesagt. Solche Szenen spielen sich in den Schweizer Städten tagtäglich ab. Doch Rassismus findet nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf struktureller Ebene statt: Wer einen ausländischen Familiennamen hat, weiss, dass es ungleich schwieriger, an gewissen Orten praktisch unmöglich ist, Job oder Wohnung zu finden. Wer dunkle Haut hat oder sich durch andere äusserliche Merkmale vom typischen Schweizer, von der typischen Schweizerin unterscheidet, muss sich regelmässig und ungerechtfertigt Polizeikontrollen unterziehen, ohne dass irgend ein (anderer) Verdachtsmoment vorliegt. Die Liste könnte beliebig verlängert werden.

Wie sieht es hier mit Rassismus aus? Leider nicht viel besser. Was in Europa die «Ausländer_innen» sind, sind in Bolivien und in Peru die «Indigenen». Anlässlich eines rassistischen Übergriffs in Peru vor einigen Tagen sind verschiedene Artikel zum Thema erschienen; ich möchte Ausschnitte von zweien davon mit euch teilen.


Bei uns zu Hause gab zwei Badezimmer. Eins hatte eine Dusche mit heissem Wasser und ein Klo, und wir wuschen uns mit Seife. Dies war das Bad, das die Familienmitglieder und die Besucher_innen benutzten. Das zweite Bad war nicht einmal ein Bad. Es war ein Loch im Boden, in einem versteckten Winkel des Grundstücks, und es war ausschliesslich für unseren Angestellten reserviert. Es hatte keine Tür und kein Dach, und die Dusche bestand aus einem Schlauch, aus dem nur kaltes Wasser kam. Warum liess mein Vater den Menschen, der ihm das Essen bereitete, nicht das einzige würdevolle Bad in unserem Haus benutzen?

Als ich ein Kind war, war es eins meiner Liebslingshobbys, Julia nachzuäffen, eine junge Frau mit Aymara-Abstammung, die im Haushalt arbeietet und sich nie an die tausenden von Aufgaben erinnern konnte, die sie zu erledigen hatte. «Ich habs vergissen», machte ich sie nach und lachte, und lief ihr hinterher, bis sie sich in ihrem Zimmer versteckte. «Ich habs vergissen, ich habs vergissen.» (…) Doch der Rassismus hat auch eine strukturelle Ebene: Was sind die finanziellen Auswirkungen der Annahme, dass weisse Haut Ausdruck von Überlegenheit ist? Ist dies wohl ein Grund dafür, dass sechs von zehn Peruaner_innen sich als Mestizen (Mischlinge) bezeichnen? Hat dies irgend etwas mit dem politischen System des Zentralismus zu tun? Bestimmt dieser die Art und Weise, wie die Geschichte unseres Landes dargestellt wird und wer in dieser Geschichte vorkommt und wer nicht? Was ist mit der Tatsache, dass an Kundsthandwerks-Ausstellungen sowie in den Ministerien von Peru Indigene und Afroperuaner_innen nicht repräsentiert sind? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Rassismus und Armut?

Marco Avilés

Quelle: https://fundacionbbva.pe/opinion/una-educacion-antiracista/?fbclid=IwAR3AuyyW3R5hxvEMyADrUKMDxBHLXeFXpBNmDSvM8Sdzsl3fshqPTFiHmOo


Als Reaktion auf einen rassistischen Post vor wenigen Tagen erschienen mehrere Kommentare von Leuten, die die Diskriminierung von (indigenen) Hausangestellten verurteilten. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, doch dann wurde mir bewusst, dass sie diese als Opfer betrachteten und als Menschen, die kaum kultiviert sind, eine schlechte Ausbildung und kaum Kenntnisse haben, weshalb sie dazu gezwungen sind, eine solch unwürdige Arbeit anzunehmen. Doch dank der Unterstützung der guten (reichen) Familien, die sie aufnehmen, können sie zu besseren und gebildeteren Menschen werden. Es wird so dargestellt, als ob es sich um einen Akt der Rettung handelte, seitens überlegenen Menschen, die sich vielleicht in einer besseren finanziellen Situation befinden oder über eine höhere Ausbildung verfügen, «westlicher» sind … aber vor allem wird postuliert, dass die anderen, die Angestellten, keinerlei Wissen mitbringen und «erzogen» und «kultiviert» werden müssen …

Doch auch wenn sie finanziell schlechter gestellt sind, heisst das nicht, dass sie nicht über sehr wertvolle Kenntnisse und Wissen verfügen, von der Art, die nicht einmal an den besten Universitäten der Welt gelehrt wird, so dass wir innehalten und von ihnen lernen sollten. Ich erinnere mich an einen Besuch bei meiner Mutter, bei dem sie über Bauchschmerzen klagte, und ihre Angestellte sagte: «Sie essen zu viel Heisses.» Meine Mutter hörte nicht auf sie, aber ich fragte nach, und es stimmte, es stellte sich heraus, dass das heisse Essen ihr nicht gut tat.

Wie viele solcher Menschen, die über wertvolles anzestrales Wissen verfügen, arbeiten in den Haushalten Perus und kümmern sich um Kinder, kochen, machen die Gärten, putzen – und lassen ihre Kenntnisse verkümmern, zu Gunsten der Kenntnisse und Werte der Menschen, für die sie arbeiten, die angeblich mehr Wert haben?

Claudia Palomino

Quelle: https://anarcochero.blogspot.com/2019/02/no-discrimino-pero-me-siento-superior.html?fbclid=IwAR07iqoG4-a1-chmV7Z8DHZuup6dCDP5PRCpfa4UXLZCtCuCNtrkDZJAw2g

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2 Kommentare

  1. Liebe Nicole

    Schön, wieder mal etwas von dir zu lesen!
    Ja, der Rassismus; -ein leidiges Thema. Zur ‚postkolonalen Schweiz‘ erscheint in Bälde ein Heft der Zeitschrift ‚Neue Wege‘. Dafür habe ich einen Beitrag aquiriert und die Bilstrecke ausgewählt und kommentiert.
    Falls du Interesse hast daran, kann ich dir gerne ein Ex. zukommen lassen; müsste einfach deine Postadresse haben …

    Mit frohem Gruss und herzlich
    Esther.

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    • Danke liebe Esther!! Ja natürlich interessiert mich das – gratuliere!!, Post kommt allerdings in Bolivien nicht wirklich an. Kannst es gerne an meine Mutter schicken, schick dir die Adresse per Mail 😉 – Liebe Grüsse, Nicole

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