Er hat mir gezeigt, wie man männliche von weiblichen Steinen unterscheidet. Mir die ganze Nacht Gedichte vorgelesen. Mir Briefe geschrieben und sie in Büchern versteckt – den letzten habe ich noch nicht gefunden. Mit ihm konnte ich über Nietzsche genauso wie über Pachamama reden; wir wollten zusammen Bücher schreiben, eine Bibliothek gründen. Auf dich habe ich gewartet, hat er gesagt, um die Sonnen- und die Mondinsel im Titicacasee zu besuchen, denn das macht man nur mit der Frau, die man heiraten will. Doch an jenem Tag haben wir kein Boot gefunden, das die Mondinsel anfuhr. Das nächste Mal, hat er gesagt.

Dann hat er angefangen, von seinem Tod zu reden. Er hat mich gebeten, an seiner Beerdigung dieses Lied laufen zu lassen. Mich gefragt, ob ich ihm treu bleibe, wenn er stirbt. Mir anvertraut, dass das Geburtsdatum in seinem Ausweis falsch ist. So lange er lebe, solle ich dieses Geheimnis wahren, denn nicht einmal seine Brüder wüssten davon. Doch wenn jemand einst seine Biographie schreiben wolle, solle das richtige Datum vermerkt werden. Ich danke dir für dein Vertrauen, habe ich gesagt, doch er meinte, wie immer: Nein, ich danke dir, dass du dieses Vertrauen in mir weckst. Dass du mir die heilige Tür deines Herzens geöffnet hast.

Du darfst nicht traurig sein, hat er gesagt. In der Aymara-Kultur gibt es keinen Tod. Die Verstorbenen bleiben immer präsent. Ausserdem endet die Liebe nicht mit dem Tod.

Am 5. März um 13.20 Uhr kollidierte das Auto, in dem er nach Cusco unterwegs war, mit einer Felswand und überschlug sich zwei Mal. Er wurde aus dem Wagen geschleudert und war sofort tot. Sie schickten mir ein Foto vom Unfallort, sein Gesicht war blutüberströmt. Es bestand kein Zweifel. Er trug die Kleider, mit denen er an diesem Morgen aus dem Haus gegangen war, nur wenige Stunden zuvor. Pass bitte auf auf deiner Rückreise nach Bolivien, hat er gesagt. Ruf mich an, wenn du an der Grenze bist. Sei nicht traurig, wir sehen uns ganz bald. Um 17.39 Uhr riefen sie mich an und sagten, er sei tot.

Die Aymaras glauben, dass man nach dem Tod drei Jahre lang unterwegs ist, um seinen Platz in der Pacha zu finden. In dieser Zeit ist es von unabkömmlicher Wichtigkeit, dass die Hinterbliebenen der reisenden Seele täglich gedenken, für sie beten, Essen und Trinken mit ihr teilen. Gleichzeitig sind die Toten ständig präsent und nehmen die Rolle von Beschützern und Führern derer ein, mit denen sie im Leben verbunden waren. Ich sehe ihn in der Sonne und im Mond, in den roten Abendwolken und in den Blüten des Kartoffelfeldes, neben dem wir ihn beerdigt haben, gleich hinter dem Haus seiner Mutter.

Den grössten Teil meiner Schwiegerfamilie habe ich an seinem Sarg kennengelernt. Nachdem wir drei Tage lang zusammen Totenwache gehalten haben, haben sie gesagt: Wir adoptieren dich. Ich habe jetzt neun Geschwister.

Sei stark, hat er gesagt, und hör nie auf zu schreiben. Wir haben noch viel zu tun. Wenn wir deine und meine Philosophie vereinen, können wir die Welt verändern.

Er wollte nicht, dass wir an seiner Beerdigung beten. Wir sind nicht katholisch, hat er gesagt. Wir wurden unter Zwang christianisiert. Doch es wurde gebetet, 10 Tage lang. Der Pfarrer hat gesagt: Juan war ein Prophet. Der bedeutendste Aymara-Intellektuelle, den ich je kennengelernt habe. Er hat unser aller Denken verändert. Und jetzt liegt es an uns, was wir mit diesem Erbe machen. Ein Weizenkorn, das in fruchtbare Erde fällt, keimt und treibt Früchte. Es stirbt nicht, sondern wandelt sich nur.

Das ganze Universum wird den Pfad unserer Liebe mit seinem Schein erleuchten, hat er mir geschrieben, zwei Wochen vor seinem Tod. Vater Sonne wird meine Schritte leiten und Mutter Mond die deinen. Ich vertraue dir diese Liebe an, die Frucht deiner Zärtlichkeit und meiner Lust, weiterzuleben – hege sie bei Tag und bei Nacht, und du wirst niemand andern mehr in meiner Seele finden.

Es war ein Geschenk, dich zu kennen, lieber Juan, und ich bin voller Dankbarkeit.

 

Juan
Juan Raúl Oscamayta Flores, 24.6.1982–5.3.2019

 

 

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