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«Wir wollen, dass du wieder bist wie früher», sagen die Leute. «Fröhlich, nicht so depressiv.»

Liebe Leute. Ich bin nicht depressiv. Ganz explizit nicht. Aber Trauer hat viele Facetten. Vielleicht habe ich heute nicht das gleiche Gesicht wie morgen, jetzt nicht die selbe Fassung wie vor einer halben Stunde. Ja, ich lache auch. Trauer heisst nicht, dass man immer traurig ist. Schmerz heisst nicht, dass es immer weh tut. Aber eben auch. Und das ist vollkommen in Ordnung so. Ernsthaft: Wie abartig wäre es, wenn dem nicht so wäre? Liebe Leute. Ich habe tage- und nächtelang an der Seite seiner Leiche gewacht. Der Leiche des Menschen, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Seine eiskalte Hand gehalten, als ob er nur schlafen würde. Eine Blume am Fels abgelegt, an dem sein Blut wie an einem Opferaltar klebte. Ernsthaft, «Sei doch wieder so wie früher, sei doch wieder fröhlich»?

«So wie früher» gibt es nicht. Natürlich werde ich nie wieder der selbe Mensch sein. Natürlich geht der Tod wie ein Schnitt durch mein Leben. Natürlich ist die Erkenntnis, dass sein Herz aufgehört hat zu schlagen, für immer aufgehört hat zu schlagen,  traumatisch, unfassbar und unaussprechlich. Doch der Punkt ist: Das ist vollkommen in Ordnung so. Das Problem ist nicht mein Schmerz. Das Problem ist, dass die so genannte aufgeklärte Gesellschaft nicht mit Schmerz umgehen kann. Dass Trauer ein Tabu ist, etwas, was im besten Fall peinlich berührt, im schlimmsten als Defekt gilt, den es so schnell wie möglich zu beheben gilt. Es braucht unendlich viel Mut, sich hinzustellen und zu sagen: Ja, es geht mir schlecht. Ich weine nachts vor dem Einschlafen, manchmal auch tagsüber, und es tut unendlich weh. Ja, in meiner Brust hängt ein schwarzes, ölschweres Gewicht, das jeden Atemzug zur Tortur macht. Es fühlt sich an, als ob sich verbrannte Hautfetzen von meinem Herzen ablösen und durch den Körper treiben würden. Jeder Schritt ist tonnenschwer, und ich muss meine Füsse, einen um den andern, aus einem schlammtiefen Weg ziehen. – Schon allein deshalb, weil man sein Gegenüber damit in Zugzwang bringt. Als ob es etwas darauf erwidern müsste. Und darauf kann man nichts erwidern. Es stimmt: «Die richtigen Worte» gibt es nicht. Aber auch das ist vollkommen in Ordnung so. Denn eigentlich sind alle Worte richtig – die Floskeln genauso wie die, die Fassungslosigkeit ausdrücken, die Gedichte und Gebete genauso wie die Ratschläge.

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Ich sage es noch einmal: Ich bin nicht depressiv. Nicht einmal ansatzweise. Und nur weil ich jeden Tag mindestens fünf Mal traurig bin, brauche ich weder eine Psychotherapie noch Medikamente. Mein Schmerz beunruhigt mich nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil: Was mich beunruhigt, ist der Anspruch der «modernen» Gesellschaft, Schmerz so schnell wie möglich zu «überwinden», sprich auszulöschen, zu eliminieren oder zu verleugnen. Die Prämisse, dass es uns immer gut gehen muss. Dass wir, wenn wir uns «schlecht» fühlen, als krank gelten. Dass Krankheit, so der allgemeine Konsens, so schnell wie möglich bekämpft werden muss, bevorzugterweise mit brutalen Eingriffen in den menschlichen Organismus. Dabei verfügen sowohl Körper als auch Seele-Geist über wunderbare, geradezu magische Selbstheilungskräfte.

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Zur allgemeinen Beruhigung kann ich konstatieren, dass Trauer auch eine extrem inspirierende, stärkende und motivierende Komponente hat. Eine Komponente, die sich anfühlt, als würde sich im Solarplexus eine eine handfeste, spürbar gleissende Sonne ausbreiten, die einen direkt mit der kosmischen Energie verbindet. Als würde sich die feste Abgrenzung der Schädeldecke auflösen, ins Universum hinüberfliessen und durchlässig werden für die Weisheit, zu der wir erst Zugang erhalten, wenn das Geheimnis der Heiligkeit in Zeitlupe ihren Schleier fallen lässt und die Reichweite unserer Erkenntnis schlagartig auf ein Niveau ansteigt, auf dem uns die unmittelbare Anwesenheit jener grossen, allumfassenden Philosophie durchdringt wie eine längst vergessen geglaubte Erinnerung. Doch der aufgeklärten Gesellschaft wäre es lieber, man würde einen Verlust rational verarbeiten, will sagen überwinden, um so schnell wie möglich wieder «gesund» zu werden – so schnell wie möglich wieder so zu funktionieren, wie es eben dieser Gesellschaft dienlich ist. Dabei muss jeder und jede, in irgend einer Form, durch diesen Heilungsprozess hindurch. Manchen hilft es, sich abzulenken. Manche brauchen Gesellschaft. Manche Einsamkeit. Und alle finden sich plötzlich in Momenten wieder, in denen der Schmerz unerwartet gemildert wird, zum Beispiel beim Anblick einer kleinen Nebelwolke, die über einen Hügel hinweg zieht, ihrer halbtransparente Beschaffenheit, der fünf verschiedenen Grüntöne, die sich unter ihr ausbreiteten und dem Aufflattern der Vögel, die man sich nur vorstellt.

P.S. Nächstes Mal schreibe ich wieder über etwas Handfestes wie Kolonialismus.

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