Fairtrade-Journalismus: ein Manifest

Ich liebe meinen Beruf. Doch es gibt Journalismus und Journalismus, wie ich in den letzten Jahren immer wieder festgestellt habe. Schlechte Erfahrungen haben mich dazu gebracht, vieles in Frage zu stellen. Journalist_innen sind zwar an Pressekodizes gebunden, doch es gibt keine Fairtrade- oder Bio-Labels, die echte Ethik im Journalismus garantieren. Für ein Projekt, das ich in nächster Zeit starten möchte, habe ich deshalb einen eigenen Pressekodex verfasst, an den ich mich in Zukunft halten möchte. Ich stelle hier eine Kurzzusammenfassung sowie das gesamte Dokument als PDF online und freue mich sehr über Feedback, Anregungen und Ergänzungen 🙂

1. Solidarischer Journalismus: Ich gehe davon aus, dass es im Grunde keinen neutralen Journalismus gibt. Denn Journalismus wird von Menschen gemacht, und Menschen haben Meinungen. Auch wenn diese nicht immer explizit miteinfliessen, ist jede Publikation unausweichlich von persönlichen Überzeugungen, Zielen und Interessen beeinflusst. Abgesehen davon besteht das explizite Ziel meiner Arbeit darin, bewusst Partei zu ergreifen und explizit Stellung zu nehmen. Um auf Missstände aufmerksam zu machen. Um Realitäten, Zusammenhänge und Hintergründe aufzudecken, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind oder die in der Mainstream-Berichterstattung ausgeblendet werden. Solidarischer Journalismus ist jedoch nicht das gleiche wie anwaltschaftlicher Journalismus: Ich bin weder Verteidigerin noch Fürsprecherin der Menschen, mit denen zusammen ich meine Publikationen entwickle. Anwaltschaftlicher Journalismus will Menschen eine Stimme geben. Solidarischer Journalismus dagegen anerkennt, dass sie schon eine Stimme haben und für sich selbst sprechen können. Da diese jedoch von Politik, Wirtschaft und Mainstream-Medien strategisch unhörbar gemacht wird, sehe ich meine Rolle in erster Linie darin, eine Plattform zu schaffen, die ihre Stimmen hörbar, ihre Gesichter sichtbar macht. Ich höre zu, zeichne auf und schreie mit. Dies bedeutet, dass ich mich in meiner Analyse und in meiner Kritik nicht über die Sichtweise derjenigen hinwegsetze, mit denen ich meine Publikationen erarbeiten. Ich gebe dem direkten Zitat Betroffener den Vorrang vor Aussagen «über» die Situation oder Perspektive anderer Menschen, und unterstütze sie darin, eigene Publikationen zu erarbeiten.

2. Einschränkung der Wahrheitsgarantie: Ich publiziere nichts, von dem ich weiss, dass es falsch oder unwahr ist. Doch ich masse mir nicht an, die abschliessende Wahrheit oder Wirklichkeit irgend eines Sachverhalts zu kennen. Mehr noch: Ich glaube nicht daran, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit überhaupt gibt. Wenn man die indigene Gemeinde nach der Wahrheit fragt, klingt sie anders als wenn man das Management der Bergbaufirma fragt. Doch was ist mit dem Jaguar, der Ameise und der Amöbe? Dem Baum und dem Borkenkäfer? Dem Stein und dem Torf? Es macht keinen Sinn, darüber zu diskutieren, wer Recht hat, vor allem angesichts der Tatsache, dass nicht nur Philosoph_innen verschiedener Jahrhunderte, sondern auch die zeitgenössische Quantenphysik die Existenz einer objektiven Wahrheit verneinen. Ich verbreite keine Fake-News. Ich verfälsche oder unterschlage keine so genannten Fakten. Aber die Behauptung einer objektiven Wahrheit ist eine Irreführung der Leser- und Zuschauerschaft und birgt eine grosse Gefahr: Ein grosser Teil der Öffentlichkeit geht davon aus, zumindest aus gewissen «vertrauenswürdigen» Medien die «Wahrheit» zu erfahren und sich auf Grund dessen eine unabhängige Meinung bilden zu können, «ohne sich beeinflussen zu lassen». Ich möchte jedoch Leser_innen, die die Publikationen in allen Medien, vor allem auch meine, kritisch hinterfragen.

3. Radikale Gleichstellung: Weltweit verpflichten sich Journalist_innen, sich über niemanden wegen Geschlecht, Nationalität, Ethnie oder Religion, der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder einer Behinderung diskriminierend zu äussern. Doch für mich geht Gleichstellung weit über dieses Gebot hinaus. Es bedeutet, dass ich Menschen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu irgend einer «Gruppe», unabhängig von ihren finanziellen Verhältnissen, ihrer Schulbildung, ihrer sozialen Schicht oder ihrem Status ernst nehme und als glaubwürdig betrachte. Dass Interviewpartner_innen mit so genanntem Expert_innenstatus, akademischem Titel oder Referenzen nicht als wertvoller gelten als ein Kleinbauer oder eine Geflüchtete. Dass ihr Wort zitier- und vertrauenswürdig ist, egal in welcher Sprache, mit welchem Akzent und auf welchem akademischen Niveau.

4. Fokus Menschenwürde: Wenn man über soziale Missstände berichtet, ist die Gefahr gross, Menschen als Opfer darzustellen. Die weltweite Ungerechtigkeit ist zwar eine Tatsache, die weder zu leugnen noch schönzureden ist, und mein journalistisches Schaffen widmet sich explizit dem Aufzeigen dieser Problematik, doch die Art und Weise, wie ich darüber berichte, möchte die Menschenwürde in einem viel umfassenderen und grundlegenderen Sinn achten, als dies in den Pressekodizes normalerweise gefordert wird. Die Menschenwürde achten heisst für mich: Ich spreche nicht von Armen, nicht von Unterdrückten, nicht von Notleidenden. Denn das Ziel meines Journalismus ist es, starke Menschen zu zeigen – nicht Mitleid zu erzeugen und das Bedürfnis zu wecken, helfen zu müssen. Ich achte bewusst darauf, eine angemessene und ethische Sprache zu verwenden, vor allem betreffend gendergerechten Formulierungen, der Vermeidung von Eurozentrismen und Wort- sowie Bildmaterial, welches diskriminierend oder abwertend wirken kann, Hierarchien impliziert oder Menschen als Opfer darstellt.

5. Vermeidung von unlauteren Methoden zur Informationsbeschaffung: Die meisten Pressekodizes weisen darauf hin, dass unlautere Methoden zur Informationsbeschaffung verboten sind. Darunter fallen zum Beispiel Plagiate oder verdeckte Recherchen. Doch das Anwenden von unlauteren Methoden zur Informationsbeschaffung beginnt viel früher: spätestens dort, wo Wissensextraktivismus betrieben wird und zum Beispiel anzestrales Wissen indigener Gemeinden vermarktet wird, ohne dass dies in ihrem Interesse ist oder sie einen Nutzen davon haben. Ich verpflichte mich dazu, die Menschen, mit denen ich meine Publikationen erarbeite, darüber zu informieren, in welchem Rahmen diese veröffentlicht werden und welche Konsequenzen dies haben könnte. Ich verständige mich mit meinen Interviewpartner_innen ausserdem explizit darüber, inwiefern es in ihrem Interesse ist, dass über das betreffende Thema berichtet wird, und was die angemessenste Form dafür ist. Allfällige Einnahmen aus den Publikationen teile ich mit denjenigen, die ihr Wissen dafür zur Verfügung gestellt haben.

6. Autorisierung: Im gleichen Sinn verpflichte ich mich, gemeinsam mit meinen Interviewpartner_innen zu entscheiden, auf welche Weise sie dargestellt werden: Erstens in Bezug auf die Wahl der Bezeichnung ihres Amtes, Titels oder Status, zweitens in Bezug auf die Art und Weise der bildlichen Darstellung. Ich weise explizit darauf hin, welchen Effekt gewisse Perspektiven, Kameraeinstellungen oder Formulierungen haben und welchen Eindruck sie vermitteln können. Damit will ich vermeiden, dass bei der Leser- oder Zuschauerschaft implizit und suggestiv ein Eindruck von Menschen vermittelt wird, mit dem sich diese nicht identifizieren können.

> Ganzen Text lesen (PDF)

 

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8 Kommentare

  1. Ein wichtiger Beitrag zur Dekolonisierung des Journalismus, in einer Zeit, in der die journalistische „Wahrheit“ vor allem vom Geldfluss abhängt. Der Anspruch ist hoch, aber die Sache, um die es geht, ist auch entsprechend wichtig. Vielen Dank und viel Herzblut bei deinen Recherchen, Interviews und deinem Redigieren.

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    • Lieber Sepp, vielen herzlichen Dank!! Ich bin mir bewusst, dass der Anspruch hoch ist, und bin auch noch nicht ganz sicher, wie das Ganze rauskommt… Es ist ein Experiment, aber es liegt mir sehr am Herzen! Vielen Dank für deine Unterstützung und herzliche Grüsse aus Santa Cruz! Nicole

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  2. Ich denke nicht, dass „die zeitgenössische Quantenphysik die Existenz einer objektiven Wahrheit“ verneint. Es mag keine Materielle Welt geben die sich so verhält, wie wir das mit Lego Klötzen gelernt haben, aber es gibt wahrer Zufall und es lassen sich wahre und genaue Voraussagen über die Wahrscheinlich eines Ergebnis eines zukünftigen Experiments machen. Ich befürworte eine gewisse Bescheidenheit in Bezug auf das Erkennen von Wahrheit, wir können nie absolut sicher sein, die Wahrheit zu kennen. Den Glauben aber, dass es gar keine Objektive Wahrheit gibt und alles nur Subjektiv ist, lehne ich dezidiert ab. Dieser Glaube ist m.E. der intellektuelle Boden vom Putinismus und Trumpismus. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, müssen wir bei der Klimaerwärmung die wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht erst berücksichtigen, der wissenschaftliche Konsens und wilde Verschwörungstheorien sind dann gleichermassen einfach Geschichten – oder eben, alternative Wahrheiten.

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    • Lieber Reto, ich danke dir ganz herzlich für deinen Kommentar und deine Anmerkungen, die mir sehr wichtig erscheinen. Ich muss die entsprechende Stelle noch einmal überdenken und überarbeiten. Die «Trumpsche» Interpretation will ich natürlich keineswegs unterstützen – es ging mir ums Gegenteil: den blinden Glauben an alles, was Medien und Wissenschaft verbreiten, zu hinterfragen… Vielen Dank nochmals und herzliche Grüsse aus Santa Cruz, Nicole

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  3. Hoi liabi Nicole
    Viela Dank für din neua Biitrag. Das isch aber a riesig grossi Ufgab, wo du diar und allna Journalischta vorschlasch. I hoffa as wird erhört.

    Wia gahts diar so? Sicher häsch du megaviel ztua, wo wia’s usgseht. I bin mal 4 Tag in Davos gsi mit da Ursa, chli go wandara. Hätt megaviel Lüüt kha.
    I freu mi, di im Winter wieder zgseh und schick diar liabi Grüass.
    I Gedanka viel bi diar

    Dini Tanta
    Margrith

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  4. Liebe Nicole, vielen Dank und herzlichen Glückwunsch zu diesem so anregenden wie herausfordernden Manifest, das ja ein Programm sein soll, wie man Journalismus betreiben soll. Ich bin mit allem, was Du schreibst, einverstanden, allerdings zeigten sich die vielen kleinen Fallen und Gruben erst in der Praxis. Zum Beispiel, dass ein kritischer Umgang mit Quellen und Informationen selber bereits aus der westlichen Kultur kommt, und nicht von allen hier in Suedamerika geteilt wird. Dazu kommt der kulturell und wirtschaftlich asymmetrische Kontext, in dem wir unsere Arbeit tun. Ich erlebe in der Praxis oft, dass, wenn ich sogenannte Arme oder Indigene als eigenverantwortliche Subjekte darstelle (die damit auch für ihre Taten Verantwortung übernehmen, und deren Taten ich auch kritisch betrachen darf), dies nicht als kritischen Diskurs, sondern als Gegnerschaft ansehen. Wir haben noch viel Gesprächsstoff, und ich freue mich auf den Austausch aus der Praxis in Peru.

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    • Liebe Hildegard, da hast du vollkommen Recht. Aus der Erfahrungen der letzten Jahre sind diese Überlegungen auch erwachsen… Es muss sich zeigen, ob es sich so in Tat umsetzen lässt. Ist eine Art Experiment… Und JA, wir haben viel Gesprächsstoff, ich freue mich auch sehr!! – Herzliche Grüsse aus Santa Cruz…

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