Schuld ist «der andere»

Fast drei Wochen lang sind tausende von Menschen in Bolivien Tag für Tag auf die Strasse gegangen, um Evo Morales zum Rücktritt zu bewegen. Die Lage hat sich in den letzten Tagen immer mehr zugespitzt, und dann ging es Schlag auf Schlag: eine Institution nach der anderen hat sich öffentlich gegen Morales gestellt und seinen Rücktritt gefordert. Das grösste Medienecho hat dabei der Polizeiaufstand hervorgerufen (der nebenbei gesagt nicht nur mit der politischen Situation, sondern auch mit Lohnforderungen zu tun hatte), doch mindestens genauso schwerwiegend war die Positionierung von verschiedenen Sektoren und Organisationen, die bisher immer hinter Morales gestanden hatten – auch Vertreter/innen von indigenen Organisationen aus dem Hochland. Dass der oberste General des Landes schliesslich erklärt hat, der Rücktritt von Morales wäre empfehlenswert, um den Frieden im Land wiederherzustellen, war nur noch das letzte Tröpfchen, das das Fass zum überlaufen gebracht hat.

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Solidaritätsdemo mit der Polizei

 

Dass nun ein grosser Teil der internationalen Presse von einem Putsch spricht und viele offenbar Evo Morales (nur) als Opfer sehen, scheint mir etwas einseitig. Nicht zuletzt hat schliesslich eine Kommission der Organisation der Amerikanischen Staaten (OEA) schwerwiegende Unregelmässigkeiten bei den Wahlen festgestellt – dies wurde am Sonntag Morgen publik. Wie die Sozialen Medien offenbaren, sehen Linke sowohl in verschiedenen südamerikanischen Ländern als auch in Europa Evo Morales nach wie vor als Idol, und zwar ziemlich unhinterfragt und unreflektiert – genauso wie seine Gegner/innen (vor allem hier in Bolivien) ihn verteufeln und alles, was er je getan hat, schlechtmachen. Von mir aus gesehen ist beides falsch, und beides gefährlich.

Evo Morales hat die Lebensrealität der indigenen Bevölkerung des Hochlandes in den letzten 14 Jahren vollkommen verändert. Mir wurde in den letzten Jahren in Gesprächen mit Indigenen immer wieder erzählt, dass sie früher ständig mit gesenktem Blick durch die Strassen gegangen sind, weil Diskriminierung an der Tagesordnung war. Auf Grund der traditionellen Kleidung vor allem der Frauen, auf Grund ihres Akzents beim Spanischsprechen und auf Grund ihrer dunklen Hautfarbe wurden sie ausgelacht und beschimpft, und in Banken, Behörden oder beim Arzt einfach links liegen gelassen. Die Wahl von Evo Morales zum Präsidenten war deshalb nicht nur symbolisch eine Revolution, sondern auch in Bezug auf den Alltag vieler Menschen. Plötzlich waren Indigene präsent und besetzten sogar Ämter, hatten etwas zu sagen und wurden mit Respekt behandelt. Jemand, der dies nicht am eigenen Leib erlebt hat, kann unmöglich verstehen, welche Bedeutung Evo Morales für viele Hochland-Indigene hat und wie grosse ihre Angst ist, dass mit seinem Rücktritt alles wieder wird wie früher.

Verstehen, woher die Wut kommt

Damit möchte ich nicht rechtfertigen, dass in den letzten Wochen verschiedene Gruppen indigener Organisationen Evo Morales mit Gewalt verteidigt haben, und diese seit seinem Rücktritt exponentiell angestiegen ist – und wir reden dabei vom Zünden von Dynamit, vom Einsatz von Schusswaffen, vom Anzünden von Häusern, von Geiselnahme und Misshandlung. Nein, dies lässt sich nicht rechtfertigen, aber um diesen Konflikt irgendwann friedlich beenden zu können, muss man versuchen zu verstehen, woher dieses Aggressionspotenzial, diese Wut und diese Verzweiflung kommt. In diesem Zusammenhang ist es aber auch zentral, zu betonen, dass sich das, was auf den Strassen passiert, verselbständigt hat. Wenn Gruppen von Morales-Anhänger/innen gewalttätig werden, heisst das nicht, dass alle gewalttätig sind. Vor allem aber heisst es nicht, dass Evo Morales dies angeordnet hat. Genauso wenig, wie Carlos Mesa oder Fernando Camacho die Menschen dazu aufgefordert haben, Gewalt auszuüben – doch friedlich waren die Proteste auch auf der «Gegenseite» nicht. Doch genau dies passiert: die verschiedenen Konfliktparteien schieben sich gegenseitig die Schuld an den gewalttätigen Ausschreitungen zu und behaupten, die Demokratie zu verteidigen, während der «andere» diese in den Dreck trete und einen Pusch im Sinn habe.

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Abgebranntes Wahlbüro von Santa Cruz

 

Nach dem Rücktritt von Evo Morales gab es zum Beispiel Menschen, die die Wiphala-Flagge verbrannt haben, und sogar Beamte, die sie sich aus der Uniform schnitten. Die Wiphala ist das Zeichen der indigenen Völker, doch viele identifizieren sie mit Evo Morales’ Partei MAS, weil er sie zur zweiten Landesflagge Boliviens gemacht hat. Dieser Verbrennungsakt ist ohnehin schon schlimm genug, doch wenn man in Betracht zieht, dass damit nicht eine Partei oder ein Politiker, sondern eine ganze Bevölkerungsgruppe angegriffen wird, wird schnell klar, dass der hochemotionale Anti-Rassismus-Pakt, den Vertreter des Hoch- und des Tieflandes vor wenigen Tagen geschlossen haben, bereits wieder hinfällig ist.

Auf der anderen Seite stimmt es aber eben auch nicht, dass alle, die Evo Morales kritisieren, dies aus Rassismus tun. So lang die Liste von Morales’ Errungenschaften ist, so lang ist leider auch die Liste seiner Verfehlungen, vor allem was Umweltthemen und die Rechte von Indigenen aus dem Tiefland betrifft. Dazu kommen die Fälle, in denen er sich über Gesetz, Verfassung und Volkswillen hinweggesetzt hat, um seine Projekte durchzudrücken und an der Macht zu bleiben.

Auf der wieder anderen Seite ist es jedoch auch nicht zu leugnen, dass die Opposition um Carlos Mesa und Fernando Camacho sich aus einer weissen Mittelschicht zusammensetzt, die durch Evo Morales’ Politik Privilegien verloren hat und ausserdem die Realität der «anderen Seite» weder kennt noch respektiert.

Dies alles – und eigentlich noch viel mehr – muss man bedenken, wenn man über den aktuellen Konflikt spricht. A-priori-Solidarität mit Evo Morales, weil er ein Indigener und (zumindest dem Parteinamen nach) ein Linker ist, trägt genauso wenig zum Verständnis oder zur Lösung dieses Konflikts bei wie a-priori-Ablehnung. Doch leider polarisiert Evo Morales (vielleicht ohne es zu beabsichtigten) genau auf diese Weise – offenbar auch über die Landesgrenzen hinaus.

Mit der Marienstatue im Hintergrund

Ob es hilfreich ist, dass der zum Rebellenführer stilisierte Kopf der Zivilkomitees von Santa Cruz, Fernando Camacho, keine Ansprache hält, ohne die Bibel in der Hand zu halten und irgendwo im Hintergrund eine Marienstatue zu platzieren, ist eine andere Frage. Fast repetitiv wiederholt er, dass nun Gott wieder einziehe in Bolivien, obwohl es sich um einen säkularen Staat handelt. In den Sozialen Netzwerken wurde Camacho ein Zitat in den Mund gelegt, das er meines Wissens nie gesagt hat und zu dem keine Quelle aufzufinden war, das aber mehr Sprengstoff birgt als Dynamit: «Die Pachamama wird nie mehr in den Präsidentenpalast zurückkehren, jetzt herrscht in Bolivien wieder Christus.» Das Problem ist, dass es von Falschmeldungen, Lügen und manipulierten Bildern nur so wimmelt – so hat eine Aufnahme von Militärs in den Strassen für Panik gesorgt und das Gerücht angefacht, dass der Ausnahmezustand ausgerufen würde, bis sich herausgestellt hat, dass die Bilder aus Chile stammen.

Also: Die Sache ist nicht ganz so simpel, wie sie aussieht. Morgen gibt’s einen Text zur aktuellen Lage und zur möglichen weiteren Entwicklung der Ereignisse – ich darf nämlich in der Tessiner Tageszeitung «Corriere del Ticino» meinen Senf dazu geben, auf den Blog kommt natürlich die deutsche Version des Interviews. Das Fazit verrate ich schon heute, denn es passt auch zu diesem Text: «Was nötig wäre, ist ein echter, tiefgreifender Dialog zwischen den verschiedenen sozialen Organisationen des Landes (eher als zwischen politischen Parteien), in welchem die Bedürfnisse aller ernst genommen und grundlegende Vorurteile, Haltungen und Emotionen offen angesprochen werden.»

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