Wir sitzen nicht im gleichen Boot

Nachdem Europa seinen ersten Covid-Schock ein wenig verdaut hat (siehe Blogbeitrag vom 23. März), erschallt nun vielerorts der Unkenruf: «Wir sitzen alle im gleichen Boot!» Schliesslich hat es auch ein paar Politiker_innen und Staatsoberhäupter getroffen. Man begreift mit Schrecken: Auch Figuren des öffentlichen Lebens sind nur Menschen, und weder Macht, Geld noch ein Konvoi von Securitas können sie von der echten Welt abschirmen. Ihre Erkrankung ist zwar weder erstaunlicher noch tragischer als die des Anonymen oder der Unbekannten, doch für die Medien sowie für die newshungrige Öffentlichkeit natürlich weitaus interessanter. Aber es sind nicht nur bekannte Gesichter, die in jenem Corona-Boot sitzen, in dem angeblich alle gleich sind, sondern auch namenlose Variablen des Statistik-Meers: Junge und Alte, Reiche und Arme, gut versicherte Bürger_innen und papierlose Asylsuchende.

Ja, anstecken kann sich theoretisch jeder und jede. Nur: die einen ein bisschen theoretischer als die anderen. Dass man sich in der Schweiz über Menschen aufregt, die sich nicht an den Lockdown halten, ist schön und gut. Schliesslich gefährden diese nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch die «verletzlichen Bevölkerungsgruppen». Wir müssen jetzt solidarisch sein, zusammenhalten, dann kommt das alles schon gut. Also: Bitte Vorräte einkaufen, zu Hause bleiben und regelmässig die Hände waschen. Sollte doch nicht so ein Ding sein. Wobei, Moment … wie war das nochmals in den griechischen Flüchtlingscamps? Zu Hause bleiben können die Menschen, die an den Grenzen Europas ausharren, schon mal nicht. Ihr echtes Zuhause wurde zerbombt. Mit Waffen aus Europa, auch aus der Schweiz. Und ihr jetziges Zuhause ist kein Zuhause, sondern ein Zelt oder eine Plastikplane.

Social Distancing ist gut – zum Beispiel im Flüchtlingslager Moira auf Lesbos, welches Kapazität für 2’800 Menschen bietet und derzeit mehr als 20’000 beherbergt. Hygienevorschriften sind gut – wenn auf 1’300 Menschen ein Wasserhahn kommt, der nur ein paar Stunden pro Tag läuft. Vom Zugang zu ärztlicher Versorgung gar nicht zu reden. Und wir wollen alle im selben Boot sitzen?!

Ganze acht von 27 EU-Ländern haben angesichts dieser Situation versprochen, insgesamt 1600 unbegleitete minderjährige Geflüchtete aufzunehmen, und auch die Schweiz hat sich grundsätzlich dazu bereit erklärt – ein Akt der Solidarität, für die sich von verschiedener Seite grosse Lobworte fanden. Dies war vor einem Monat. Tatsächlich aufgenommen wurde bisher niemand. Klar, es sind für jeden Einzelfall Abklärungen nötig, und das braucht halt Zeit. Versteht man, oder? – NEIN, xxx, VERSTEHT MAN NICHT! Das Bundesamt für Migration hat vielleicht Zeit, doch die Menschen in den Lagern haben sie nicht. CVP-Präsident Gerhard Pfister liess diesbezüglich verlauten, ausserordentliche Aktionen bedürften der Partizipation aller Dublin-Staaten, und ein Alleingang bringe nichts. Die Schweiz solle nichts tun, was in der EU nicht mehrheitsfähig sei, «so schwierig die Lage in den Flüchtlingslagern auch ist.» Wenn damit mal nicht die wichtigste aller Massnahmen strikt eingehalten wird: Eine (europäische) Hand wäscht die andere, und jeder seine eigene in Unschuld.

Nur nebenbei: Die Schweiz sieht sich zurzeit weder von einer Flüchtlings- noch von einer Viruswelle überrollt. Die Bundesasylzentren sind unterbelegt, genauso wie diverse Schweizer Spitäler und Arztpraxen, die Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter_innen anmelden  mussten, weil die Auslastung teilweise unter 30 Prozent liegt. Liegt einerseits am Bundesratsbeschluss vom 17. März, der alle medizinischen Eingriffe und Therapien untersagt, die nicht als dringend eingestuft werden. Und anderseits wohl daran, dass viele Menschen aus Angst, sich mit Corona anzustecken, nicht mehr wegen jedem Bobo zum Arzt rennen (und damit die Krankenkassenprämien hochtreiben).

So weit so gut. Was macht man mit den leeren Betten? Patient_innen aus den Nachbarländern aufnehmen, deren Gesundheitssystem kollabiert? Neineinein. Natürlich nicht. So gleich ist das Boot dann doch nicht, in dem wir sitzen. Denn es könnte ja sein, dass die grosse Welle, der krasse Peak, den Expert_innen in der Schweiz seit Wochen angekündigen, irgendwann doch noch kommt. Und dann ist klar: Menschenleben ist wie immer nicht gleich Menschenleben, sondern: Schweizerleben ist mehr Menschenleben als Ausländerleben. Aber gut: Acht von 26 Schweizer Kantonen haben Ende März ganze 20 Patienten aus Frankreich aufgenommen. Man könnte fast sagen, die humanitäre Tradition der Schweiz ist gerettet. Und vollkommen geschlossen hat man die Grenzen ja auch nicht: Zum Zweck der Ausschaffung von abgewiesenen Asylbewerber_innen sind Flüge ins Ausland dann schon möglich. Nein, leider ist dies weder ein Witz noch eine Verschwörungstheorie, sondern die ganz reale Realität in einer Welt, in der angeblich alle im gleichen Boot sitzen – vergleiche dazu zum Beispiel diesen Artikel von Infosperber.

Während die bisher nicht erfolgte Aufnahme von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten vom Bundesrat unter anderem damit begründet wird, dass auf Grund der Reisebeschränkungen im Zusammenhang mit der Coronakrise zurzeit keine solchen Transporte möglich seien, sind Rückholflüge von gestrandeten Schweizer Touristen genauso wie Ausschaffungsflüge offenbar kein Problem. Schliesslich sollen «die Kernfunktionen des Asylsystems aufrecht erhalten werden», so der Bundesratsbeschluss vom 1. April – und dazu gehören prioritär die Wegweisungsverfahren, sprich die Ausschaffungen, natürlich auch in Länder, in denen den Abgeschobenen neu nicht nur politisch, sondern auch gesundheitlich bedroht sind. Um dies zu garantieren und dennoch die Schweizer_innen zu schützen, die im Asylwesen tätig sind, hat der Bundesrat findigerweise verfügt, dass Befragungen von Asylsuchenden auch ohne entsprechende Rechtsvertretung durchgeführt werden kann.

Ende Monat ist der Lohn auf dem Konto


Ganz abgesehen von der Frage nach der Chancengleichheit bezüglich einer Ansteckung mit dem Coronavirus und bezüglich der Möglichkeit, eine angemessene medizinische Behandlung zu erhalten, sollte die Krankheit einen schweren Verlauf nehmen, muss man (ich wiederhole mich) auch weiterhin radikal in Frage stellen, ob die weltweit getroffenen Massnahmen zur Eindämmung von Covid19 tatsächlich verhältnismässig sind, ODER ob die so genannten Kollateralschäden nicht als eindeutig und erschreckend schlimmer einzustufen sind als die Auswirkungen des Virus selbst. Bezüglich dieser Frage zeigt sich, dass innerhalb von vielen Staaten die selbe Logik  zum Tragen kommt wie international: Genauso wie Lima nicht Peru ist (siehe Blogbeitrag vom 7. April), ist auch (West-)Europa nicht die Welt.

Es ist zwar nicht einfach, Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut zu bringen und das 24-stündige Aufeinandersitzen mit dem Ehepartner friedlich zu überstehen, oder sich auf der anderen Seite mit sich selbst auseinanderzusetzen. Noch dazu, wenn die Konsumgewohnheiten selbst mit Online-Shopping nicht mehr aufrecht erhalten werden können, weil die Post überlastet ist und es zu Lieferverzögerungen kommt, wenn man nicht mehr zum Friseur kann (was zum Beispiel in Frankreich zu diversen Nervenzusammenbrüchen geführt hat) oder wenn sogar Kindern das Fernsehschauen, Gamen und Surfen langweilig wird. Doch bei einem Grossteil der Schweizer_innen ist dennoch Ende Monat der Lohn auf dem Konto. Und das ist eins der allergrössten Privilegien überhaupt, dessen sich die wenigsten bewusst sind.

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In den meisten Ländern des Globalen Südens gibt es keine Arbeitslosenversicherung, Kurzarbeit oder garantierte Löhne. Wer nicht arbeiten kann, verdient nichts, und Punkt. In Peru ist rund 70 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor tätig und lebt von den Tageseinnahmen. Das heisst: Seit drei Wochen hat der Grossteil der Menschen hier, vor allem in den ländlichen Gebieten, keinen Céntimo gesehen (siehe auch hierzu Blogbeitrag vom 7. April). So gleich ist also das Boot, in dem wir sitzen – nicht nur im internationalen Vergleich, sondern auch bezüglich der «sozialen Schichten» innerhalb von Staaten. Und wie immer liegt das Problem nicht einfach darin, dass die so genannte Dritte Welt eben nicht in der Lage ist, ein stabiles politisches und gesellschaftliches System aufzubauen. Wie immer trägt der Norden in vielerlei Hinsicht eine Mitverantwortung für die Realität im Süden: Weil auf Grund der Coronakrise der Grad des Konsumismus in Europa stark abgenommen hat, sprich die Nachfrage sinkt, müssen in Ländern wie China oder Indien, die seit Jahrzehnten produzieren, um eben diese Nachfrage zu befriedigen, reihenweise Fabriken geschlossen werden. Wie Public Eye in ihrer Recherche zur Textilbranche aufzeigt, haben Millionen von Arbeiter_innen in Indien, Myanmar, Bangladesch, Kambodscha, Albanien und den zentralamerikanischen Ländern ihre Arbeit verloren, viele von ihnen ohne eine Abfindung oder auch nur der Auszahlung des letzten Monatsgehalts.

Die Behauptung «Wir sitzen im selben Boot» ist bloss der erste Schritt des psychischen Verarbeitungsprozesses des Globalen Nordens (sowie der Oberschichten in vielen Ländern des Südens), nachdem er zugeben musste, dass auch er, trotz allem, von existenziellen Krisen erschüttert werden kann. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass die Boot-Perspektive zu mehr Verständnis und zu mehr Solidarität führt, zu einem Wir-sind-eine-Welt-Gefühl. Doch leider geht damit einher auch die Erkenntnis, dass das eine, rettende Boot schnell voll ist, und zwar, bevor Afrika oder Lateinamerika einsteigen können. Wird es zum Beispiel eines Tages so weit kommen, dass ein Impfstoff gegen Covid19 gefunden wird, ist damit zu rechnen, dass wie immer nur ein sehr kleiner Teil der Weltbevölkerung davon profitiert. Laut der Einschätzung von Public Eye, die auf vergleichbaren Pandemie-Fällen in der Vergangenheit basiert, werden sich die reichen Länder wie die Schweiz so viele Impfstoffe unter den Nagel reissen, dass für den Globalen Süden kaum mehr etwas übrig bleibt. Ganz abgesehen davon, dass für die grossen Pharmakonzerne nicht die öffentliche Gesundheit Priorität hat, sondern ihre Gewinne – und die Forschung an einem Impfstoff gegen Corona ist nun mal viel weniger lukrativ als die Entwicklung von Krebsmedikamenten & Co., die auf eine lange Behandlungsdauer angelegt sind. (Der entsprechende Artikel von Public Eye kann unter diesem Link abgerufen werden.)

Also: Wenn der kleine privilegierte Teil der Menschheit sich nun bewusst wird, dass schlussendlich niemand, wirklich niemand gegen existenzielle Gefahren, Krankheit oder den Tod gefeit ist und langsam, aber sicher vom Gefühl beschlichen wird, dass an der alten Weisheit «Vor Gott (oder dem Virus) sind wir alle gleich» doch etwas sein könnte, wäre es unbedingt von Nöten, etwas genauer hinzuschauen. Vielleicht kommt es dann beim einen oder bei der anderen zu einer Erleuchtung und zu gewissen Erkenntnissen… Bleibt gesund! 🙂

> Zur spanischen Version des Textes <

 

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13 Kommentare

  1. Liebe Nicole

    Wieder einmal einfach brilliant deine Analyse ‚unserer‘ weltweiten Corona-Krise ais einer Südsicht; danke dir dafür herzlich! Wie so Viele aus der Zivilgesellschaft unterstütze auch ich den ‚Apell aus den Kirchen‘ des Netzwerks Migrationscharta und wollte die Petition zur Aufnahme von Flüchtlingen gemeinsam mit einem Pfarrkollegen auf die Homepage unseres Kirchenkreises stellen. Ohne Erfolg zunächst; der Widerstand war zu gross: https://www.migrationscharta.ch/osterappell-aus-den-kirchen-an-den-bundesrat/

    Für mich an Ostern schwer auszuhalten, appeliere ich doch in meiner Osternachtpredigt an die Solidarität: https://reformiert-zuerich.ch/-4/kirchenkreis-11/predigten~2501/

    !Feliz Pasquas! trotz allem; bleiben wir widerständig!

    Herzlich
    Esther.

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  2. Liebe Nicole

    Ich versuche nochmals, meinen Kommentar zu platzieren; hoffentlich funktioniet es jetzt: Brillante Analyse aus einer Südsicht, welcher ich nur zustimmen kann! Habe deinen Beitrag eben grade ‚vertwittert‘!
    Persönlich unterstütze ich die Petition des ‚Netzwerks Migrationscharta‘: https://www.migrationscharta.ch/osterappell-aus-den-kirchen-an-den-bundesrat/ und rufe in meiner Osternachtpredigt zu Solidarität auf: https://reformiert-zuerich.ch/-4/kirchenkreis-11/predigten~2501/

    !Feliz Pasquas! trotz Allem!

    Hezrlich
    Esther.

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    • Pervers nenne ich das!!! – Wollte noch den entsprechenden Artikel im Tagesanzeiger lesen, aber der ist leider nur mit Abo zugänglich 🙂 Einen Blick-Artikel zu teilen wäre für mich im Moment kontraproduktiv, weil ich gerade für jeden zweiten Facebook-Post angegriffen werden. Die Logik funktioniert ungefähr so: Das, was den Leuten nicht in den Kram passt oder ihr Weltbild zu sehr erschüttert, wird mit «Lüge!! Verschwörungstheorie!! Unzuverlässige Quelle!!» etc. beschrien.

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      • Eben, der Tagi-Beitrag ist von einem Abo abhängig, das ich momentan nicht habe.
        Mit Twitter geht es mir genauso: Da ging schon ein paarmal ein Shitstorm auf mich nieder. Mache momentan da etw. Pause.

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