Update aus Peru: plus fünf.

Gestern Freitag wurde der Ausnahmezustand und damit auch die obligatorische Quarantäne in Peru auf einen Schlag um fünf Wochen verlängert. Bis mindestens am 30. Juni wird sich das Leben hier also weiterhin in den ungefähr gleichen Bahnen bewegen wie dies bereits seit dem 16. März der Fall ist: Das Haus verlassen werden darf nur im Zusammenhang mit existenziellen Bedürfnissen: Einkäufen, Arztbesuchen, Bankgeschäften. Neu dazu kommt ab Montag, sozusagen als Trostpflaster, die Erlaubnis, zum Friseur oder in den Kosmetiksalon zu gehen, und zu den erlaubten Verkaufsgütern zählen neu nebst Lebensmitteln auch Elektrogeräte wie Computer und Handys. Dies hängt wohl vor allem damit zusammen, dass die Schulen bis Ende Jahr geschlossen bleiben und der Unterricht nur online stattfindet. Im Verlauf der vergangenen Wochen hat sich gezeigt, dass dies nicht nur Kinder in den ländlichen Gebieten vor ein grosses Problem stellt, da der Grossteil von ihnen weder über den erforderlichen Internetzugang noch über Laptops oder Smartphones verfügt. Auch viele Familien in den Städten sind nicht dafür ausgerüstet, dass zwei, drei oder vier Kinder gleichzeitig ihrem jeweiligen Unterricht folgen können. Dieses Problem soll offenbar damit gelöst werden, dass wieder Computer verkauft werden dürfen. Nur: Wer kann sich das leisten, gerade in der jetzigen Situation, in der viele Menschen seit inzwischen zehn Wochen über kein oder nur ein sehr reduziertes Einkommen verfügen? Was ist mit den Kindern von Taxi- und Busfahrern, Kunsthandwerkerinnen, Mitarbeitenden von Hotels und Restaurants, Tourist-Guides, Strassenhändlerinnen und Fitnesstrainern, um nur einige Beispiele zu nennen? In den ländlichen Gebieten wird der Unterricht teilweise auch per Radio ausgestrahlt, aber auch dies stellt hier für viele Kinder eine Herausforderung dar. Die peruanische Zeitung «La Republica» zeigte in einer Reportage, wie die Kinder der Gemeinde Kantati Ururi (Huancané, Puno) zu Fuss jeden Tag fünf Kilometer auf eine Anhöhe von 4’250 Meter über Meer steigen müssen. Im Dorf können sie den Sender nicht empfangen – von Internet, Mobilfunk und Fernsehen ganz zu schweigen. Schätzungsweise 35 Prozent der Schulkinder in Puno verfügen laut dem Bericht über keinerlei Zugang zu Kommunikationsmitteln, und ein Teil von ihnen musste das Schuljahr abbrechen. Laut dem nationalen Amt für Statistik INEI haben nur 7.5 Prozent der ländlichen Bevölkerung im Departement Puno Zugang zum Internet. Solche Realitäten werden leider oft nicht beachtet, wenn Regierungen in Ländern des Globalen Südens Massnahmen übernehmen, die auf Westeuropa oder die USA zugeschnitten sind.

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«Auf dem Gipfel gibt es keine Stühle, keinen Tisch und keinen Lehrer.» Quelle: «La Republica» Peru.

 

Fussball und Bergbau haben Priorität
Das wichtigste Zückerchen der 5-wöchigen Verlängerung der Corona-Massnahmen aber ist – deshalb hat Staatspräsident Martin Vizcarra es in seiner Pressekonferenz auch mehrmals betont –, dass die professionelle Fussballliga wieder spielen darf, natürlich ohne Publikum. Die Leute haben also wenigstens etwas zu schauen, wenn sie schon zu Hause bleiben müssen. Doch wir sind weit davon entfernt, uns in den bisher 10 Wochen Quarantäne in Richtung Ausrottung des Virus bewegt zu haben. Seit Woche drei steigt die Kurve der Ansteckungen konstant und rapide an, bisher wurden mehr als 110’000 Fälle von Covid19 und 3244 Tote bestätigt (Stand 23. Mai). Verantwortlich gemacht dafür wird von offizieller Seite regelmässig die Bevölkerung, die sich nicht an die Massnahmen hält. Teilweise stimmt das sicher, doch anders als in einem Land wie der Schweiz ist dies hier nicht ganz so einfach.  An den Eingängen der Supermärkte wird zwar konsequent Fieber gemessen und Hände desinfiziert, und auf den lokalen Märkten sind Polizei und Militär dazu beordert zu überwachen, dass jede_r sich die Hände wäscht und ein Meter Abstand eingehalten wird, doch es funktioniert nicht alles ganz so wie sich die Entscheidungsträger_innen das vorstellen. Die grossen Menschenansammlungen auf den Märkten und in den stundenlangen Warteschlagen der Banken zum Beispiel sind Ansteckungsparadiese. Da in Peru nur 22 Prozent der als «arm» klassifizierten Haushalte einen Kühlschrank besitzen, ist die Empfehlung, Wocheneinkäufe zu machen, nicht mehr als ein Wunschtraum. Die Schlangen vor den Banken dagegen sind Ausdruck der immer verzweifelter werdenden finanziellen Situation vieler Menschen. Diejenigen, die in den Genuss von einem der Hilfspakete der Regierung kommen, wollen den ihnen zustehenden Betrag so schnell wie möglich abheben. Auch gibt es die Möglichkeit, einen Teil seiner Altersvorsorge zu beziehen, um in der Krise über die Runden zu kommen – was sich dann natürlich nach der Pensionierung bitter rächen wird. Wer kann, schickt Verwandten in ländlichen Gebieten etwas Geld zu, von denen viele noch immer keinerlei öffentliche Hilfspakete erhalten haben. All dies muss persönlich am Schalter erledigt werden, von denen oft nur die Hälfte geöffnet sind, so dass man gut und gerne 3 Stunden warten kann, wenn man ein Bankgeschäft zu erledigen hat.

Gleichzeitig ist das peruanische Gesundheitssystem an seinem Limit angelangt. In den Regionen, in denen ausser Corona auch das Denguefieber wütet, fehlt es längst an Betten sowie Sauerstoff, Medikamenten und Beatmungsgeräten. Allein dieses Jahr wurden in Peru bereits 22’000 Fälle von Dengue diagnostiziert – acht Mal mehr als in den selben Monaten im Vorjahr, wobei die Dunkelziffer genau wie bei Corona ungleich höher sein dürfte. Präsident Martin Vizcarra hat versprochen, die Kapazitäten im Gesundheitssystem in den kommenden fünf Quarantänewochen signifikant aufzustocken – ob das in dieser kurzen Zeit und im versprochenen Ausmass möglich ist, wird sich zeigen.

Während die 70 Prozent der peruanischen Bevölkerung, die im informellen Sektor arbeiten, schauen müssen, wie sie fünfzehn Wochen lang über die Runden kommen, wird in den Bergbauminen ungeachtet aller Massnahmen weitergearbeitet – schliesslich handelt es sich um einen der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes. Offiziell bestätigt sind bisher 718 Fälle von Covid19 in 14 verschiedenen Minengesellschaften – Social Distancing ist bei dieser Art von Arbeit kompliziert.

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Quelle: RedGE Peru.

 

Dies ein kurzer Update aus Peru, am Tag 69 der Quarantäne. In den nächsten Tagen wird meine neue Partnerorganisation IDECA (Instituto de Estudios de las Culturas Andinas, Institut für Studien der andinen Kulturen) einen Artikel von mir veröffentlichen, der aufzeigt, was die Corona-Krise für die Kunsthandwerkerinnen der Region bedeutet, kurz darauf folgt ein Artikel zum Thema häusliche Gewalt. Die deutschen Übersetzungen der Texte könnten etwas Zeit in Anspruch nehmen, werden aber noch vor Ende der Quarantäne hier aufgeschaltet – dauert ja noch mindestens 38 Tage.

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