Der wahre Preis unserer Handys

Hier kommt Text Nummer 3 zur Konzernverantwortungsinitiative – falls noch Fragen offen wären bezüglich der Gründe dafür, dass die indigenen Gemeinden rund um die Glencore-Bergwerke in Espinar (Cusco, Südperu) seit mehr als drei Jahrzehnten protestieren (siehe auch meine Blogbeiträge vom 4. September und vom 15. September). Und, viel wichtiger: Falls noch nicht klar wäre, warum wir Schweizerinnen und Schweizer ganz persönlich mitverantwortlich sind für die gravierenden Schäden, die der Bergbau in Peru und vielen anderen Ländern im Globalen Süden anrichtet.

Carmen Chambi, Espinar. Foto zVg

Für den Abbau von Metallen wie Kupfer, Kobalt, Gold und Silber, die zentrale Bestandteile von von Elektrogeräten wie Handys und Computer darstellen, werden in vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas Wälder gerodet, Gestein weggesprengt und ganze Landstriche ausgetrocknet. Bei der Rohstoffförderung werden giftige Metalle freigesetzt, welche die Gewässer und Böden kontaminieren. Dies richtet grosse ökologische Schäden an, zum Beispiel Fischsterben. «Früher gab es hier viele Tiere», sagt Carmen Chambi, die mit ihrer Familie in der Gemeinde Alto Huancané in der Provinz Espinar (Cusco, Peru) lebt. «Frösche, Wasservögel, Forellen und andere Fische, doch nun sind sie alle verschwunden.» Die Auswirkungen des Bergbaus auf die lokale Bevölkerung sind gravierend, da die vergifteten Gewässer oft ihre einzige Wasserquelle darstellen und sie dadurch einer hohen Belastung durch Schwermetalle ausgesetzt sind. Dies hat schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen, unter anderem die Schädigung von Herz, Nieren, Leber, Muskeln und zentralem Nervensystem, Lungen- und Prostatakrebs, sowie das Auftreten von Osteoporose und Bluthochdruck. Carmen Chambi und ihre sechs Söhne leiden, genauso wie praktisch alle anderen Bewohner/innen der Region, auf Grund der hohen Schwermetall- und Feinstaubbelastung unter schweren gesundheitlichen Problemen. «Sie lassen uns hier langsam sterben, und weder der Staat noch Glencore übernehmen Verantwortung für unsere Situation», sagt die 47-Jährige. «Wie die meisten von uns habe ich fast dauernd Kopf- und Magenschmerzen. Ich fühle mich geschwächt und kann keine weiten Strecken mehr gehen. Mein Sohn musste an der Lunge operiert werden. Unsere Kinder sind zum Tode verurteilt und benötigen regelmässig Medikamente und medizinische Behandlung, für deren Kosten wir Eltern aufkommen müssen. Wenn Glencore etwas Menschlichkeit zeigen würde, würden sie uns wenigstens finanziell unterstützen, aber das machen sie nicht. Für den Coronavirus wird bereits ein Impfstoff entwickelt, doch wann wird es ein Medikament geben, dass uns heilt, die wir von Schwermetallen vergiftet sind?»  

Bergwerk Antapaccay, Espinar
Foto: Oscar Mollohuanca

2013 wies Espinar die landesweit höchste Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen und die dritthöchste Kindersterblichkeitsrate auf. Die häufigsten Todesursachen bei Kindern zwischen einem und vier Jahren waren Hirngefässkrankheiten, Leberzirrhose, chronische Lebererkrankungen und Niereninsuffizienz. Im Jahr 2010 wiesen die Urin- und Blutproben von 506 getesteten Personen der Gemeinden Alto Huancané und Huisa allesamt Belastungen durch Arsen, Quecksilber, Kadmium und Blei auf, von denen bei 29 Personen die von der WHO festgelegten Grenzwerte überschritten wurden. In einer weiteren Studie von 2013 wurden die Grenzwerte von insgesamt 17 Schwermetallen bei 52 von 180 getesteten Personen überschritten. Diese erschreckenden Ergebnisse versuchten die zuständigen staatlichen Stellen zu verheimlichen, und die Betroffenen erhielten die Dokumente mit den Resultaten, anders als normalerweise üblich, ohne Unterschrift und Stempel. Dies zeigt die peruanische Filmemacherin Maga Zevallos in ihrem Dokumentarfilm «La vida no vale un cobre» («Das Leben ist kein Kupferstück wert») auf. «Ich will nicht mehr hier leben», sagt eine ihrer Interviewpartnerinnen, eine betagte Bewohnerin von Espinar. «Früher haben unsere Felder mehr als genug Ernte abgeworfen, und wir hatten viele Tiere. Heute habe ich nur noch eine einzige Kuh.» Denn nicht nur die Menschen in der Umgebung des Bergwerks bekommen die Auswirkungen der giftigen Stoffe zu spüren: Beim Vieh treten vermehrt Missbildungen auf, überdurchschnittlich viele Tiere sterben. Durch die Belastung der landwirtschaftlich genutzten Böden sowie der Milch und des Fleisches haben viele Bewohner/innen der betroffenen 13 indigenen Gemeinden rund um die Bergwerke in Espinar ihre Lebensgrundlage verloren, ganz abgesehen von den gesundheitlichen Konsequenzen. Auf Grund der beunruhigenden Resultate der medizinischen Tests hätte innerhalb einer Frist von 90 Tagen Massnahmen vom Gesundheitsministerium ergriffen werden sollen, um die betroffenen Menschen zu behandeln und einen Aktionsplan zu erstellen, um ihre Situation zu verbessern. Doch bis zum heutigen Tag ist nichts dergleichen geschehen.

> Kurzversion des Films mit deutschen Untertiteln <

Ein weiteres Problem ist der grosse Wasserverbrauch der Bergwerke: In den jeweiligen Gebieten trocknen Flüsse aus, und der Grundwasserspiegel kann so stark absinken, dass der Wasserbedarf der Bevölkerung nicht mehr gedeckt ist. Weniger als die Hälfte der Haushalte in Espinar verfügen über einen Wasseranschluss, und bis 2015 gab es nur zwei Stunden pro Tag fliessend Wasser. «Es gibt keine sicheren und sauberen Wasserquellen mehr für die indigenen Gemeinden in Espinar», sagt Oscar Mollohuanca, der ehemalige Bürgermeister von Espinar. «Das Problem ist, dass die Quellen innerhalb des Territoriums liegen, das der Minengesellschaft gehört, und diese erteilt den Gemeinden keine Bewilligung, sie zu nutzen. Die anderen Quellen sind alle vollkommen verschmutzt, unter anderem durch die Sedimentbecken der Bergwerke. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist zwar gesetzlich garantiert, aber die Minengesellschaft schaltet auf stur.» Zwischen 2002 und 2005 wurden drei Studien mit Wasser- und Bodenproben durchgeführt, die allesamt zeigten, dass die erlaubten Grenzwerte bei der Selen-, Eisen-, Nitrat-, Sulfat-, Mangan-, Arsen- und Kupferbelastung überschritten werden. Auf Grund dessen wurde die Empfehlung abgegeben, dass weder Menschen noch Tiere das Wasser in dieser Zone trinken sollten. Doch oft bleibt ihnen keine andere Wahl.

Vidal Merma, Espinar. Foto zVg

Die sozialen, gesundheitlichen und Umweltkosten tauchen in den offiziellen Statistiken und in den Gewinnrechnungen der Konzerne nicht auf, und Medienberichte über den Bergbau zeigen oftmals nur die vermeintlichen Vorteile auf – nicht nur für die nationale Wirtschaft, sondern auch für die lokale Bevölkerung, die angeblich von der «Entwicklung» der Region profitiert. Die Realität zeigt aber, dass Bergbaugebiete oft zu den ärmsten des Landes gehören und existenzielle Infrastruktur fehlt, zum Beispiel Spitäler. So sind zum Beispiel in Espinar nur 21 Prozent der Haushalte ans Abwassersystem angeschlossen, und 65 Prozent der Bevölkerung sind als arm klassifiziert. «Die Bergbaukonzerne haben uns viele Dinge versprochen – dass wir Teil am Fortschritt haben würden, dass sich unsere Lebensbedingungen verbessern würde und auch dass Arbeitsplätze geschaffen würden», sagt der Journalist Vidal Merma, der in Espinar aufgewachsen ist und seit 2005 dokumentiert, welche Konflikte und Probleme die Metallförderung durch Glencore und ihre Vorgängerinnen mit sich bringt. «Von all diesen Versprechen wurde kein einziges eingehalten, im Gegenteil: Sowohl die Regierung als auch der Konzern haben uns vollkommen uns selbst überlassen. Diejenigen Menschen, denen die Territorien mit Metallvorkommen abgekauft oder weggenommen wurden, leben heute in extremer Armut und haben nicht einmal Zugang zu Trinkwasser.

Im Jahr 2007 waren 42 Prozent der Bevölkerung und 47 der Kinder unter fünf Jahren chronisch unterernährt, und von 764 untersuchten Frauen litten 444 an Blutarmut, 213 von ihnen in einer schweren Form. Doch weder der Staat noch die Bergbaukonzerne wollen Geld investieren, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, welche die Konsequenzen des Bergbaus zu tragen haben, auch wenn in vielen Fällen entsprechende Abkommen mit den Gemeinden getroffen wurden, um sie zu einer Zustimmung zur Mine oder zum Verkauf ihres Landes zu bewegen. Dass diese Versprechen meist nicht eingehalten werden, ist einer der Hauptgründe für die Proteste und sozialen Konflikte in den entsprechenden Regionen. In den letzten Jahren sind vor allem im Süden Perus viele neue Minen erschlossen worden, unter anderem in Puno, Cusco, Apurímac, Moquegua und Arequipa. Es ist kein Zufall, dass dies auch die Regionen mit den meisten sozialen Konflikten sind – rund 200 pro Monat, wobei 70 Prozent davon mit Bergbau-Projekten zusammenhängen.

Espinar 2012. Foto: Miguel Gutierrez.

Viele dieser Konflikte enden mit Gewalt seitens der Sicherheitskräfte, mit Festnahmen, Verletzten und Toten. Die Menschen, die sich gegen Bergbauprojekte wehren, werden kriminalisiert und in den Medien als Radikale, als Entwicklungsgegner/innen und als Terrorist/innen diffamiert. Auch Vidal Merma wurde mehrfach angegriffen, angezeigt und bedroht, weil er über die gravierenden Konsequenzen der Glencore-Bergwerke in Espinar und auch über die Gewalttätigkeit der Sicherheitskräfte berichtet. «Im Juli 2020 hat die Polizei auf mich geschossen, weil ich gefilmt und fotografiert habe, doch zum Glück hat mich die Kugel nicht getroffen. Sie haben mir das Handy und meine Dokumente weggenommen. Bei anderen Gelegenheiten wurde mir meine Kamera zerstört, doch ich habe mich immer wieder neu ausgerüstet, um sichtbar zu machen, was hier in Espinar passiert. In Peru gibt es keine Pressefreiheit. Die Wahrheit zu berichten, ist zu einem Delikt geworden.» Dies musste auch die Ärztin Gloria Cárdenas erfahren, die nach der Schiesserei am 22. Juli den Medien gegenüber bestätigt hat, dass sie im Spital von Espinar drei Verletzte behandelt hat, die an Armen und Beinen Durchschüsse von scharfer Munition aufwiesen. «Auf sie wurde geschossen, und zwar nicht nur mit Gummischrot und Tränengaspatronen, sondern mit Kugeln», sagte sie. «Was hier passiert, ist unerhört, und es ist auch nicht das erste Mal, dass die Polizei Menschen angreift und verletzt, die nichts anderes tun als für ihre Rechte zu protestieren.» Wenige Tage später wurde Gloria Cárdenas selbst von der Polizei bedroht und eingeschüchtert und erhielt eine Vorladung der Staatsanwältin von Espinar. «Falls mir etwas zustossen sollte, müsst ihr wissen, dass dies kein Zufall oder Unglück ist», sagte sie.

Auf diese Weise kollaboriert der Staat mit den Bergbaukonzernen, denn im Gegensatz zur Bevölkerung profitiert er durchaus von den Projekten. Im Gegenzug werden den Konzernen steuertechnische und andere Vorteile verschafft, um eine Investition in Peru attraktiver zu machen. Im Fall von Espinar verfolgt Glencore in diesem Zusammenhang eine perfide Strategie: Bei der Inbetriebnahme der ersten Mine in den 80er Jahren wurde mit der damaligen Minenbetreiberin ein Abkommen zu deren Gunsten getroffen. Um diese Vorzüge nicht zu verlieren, wurden das zweite und dritte Bergwerk nicht als neue Projekte deklariert, sondern als Erweiterungen des ersten. Doch seit den 80er Jahren hat sich viel verändert, und die Gewinne fallen heute um ein Vielfaches höher aus – 2016 hat Glencore in Espinar mehr als 220’000 Tonnen Kupfer und 3’500 Kilogramm Feingold gefördert, mit einem Verkaufswert von fast einer Milliarde Schweizer Franken. Die Bevölkerung von Espinar fordert aus diesem Grund, dass ein neues Rahmenabkommen getroffen wird, doch davon will Glencore nichts wissen.

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