SOS Kolumbien

Eine gekürzte Version dieses Textes ist zuerst im Zeitpunkt erschienen.


Kolumbien befindet sich seit mehr als einem Monat im Ausnahmezustand. Doch wie sieht der Alltag für die Menschen wirklich aus?

Genauso wie die Erhöhung der Ticketpreise in Chile vor eineinhalb Jahren der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, kippte die Stimmung in Kolumbien Ende April, als Staatspräsident Iván Duque eine Steuerreform ankündigte, die unter anderem eine höhere Mehrwertsteuer auf Produkte des täglichen Bedarfs vorsah. Die Reform ist zwar inzwischen vom Tisch, doch der landesweite Generalstreik, der am 28. April von verschiedenen Gewerkschaften ausgerufen wurde, hält weiter an – und wird mit massiver Polizeigewalt unterdrückt. Laut dem Institut für Entwicklungs- und Friedensstudien Indepaz wurden bis am 31. Mai 71 Menschen getötet, der Grossteil davon durch Sicherheitskräfte. Die kolumbianische NGO Temblores dokumentierte bis zum 27. Mai 1133 gewaltsame Übergriffe, 175 Fälle von Schusswaffengebrauch und 1445 willkürlichen Festnahmen durch die Polizei.

In den Nachrichten sehen wir Bilder von Toten und Verletzten, zum Beispiel aus Cali, einem der Brennpunkte des Konflikts, welcher inzwischen – wie auch verschiedene andere Städte im Südwesten des Landes – militarisiert wurde. Doch wie geht es den Menschen vor Ort, welche Auswirkungen hat die prekäre Situation auf ihren Alltag? «In Tumaco sind die Proteste bisher ziemlich friedlich verlaufen», sagt Ulrike Purrer, die seit 9 Jahren in Kolumbien lebt und arbeitet. Dies ist nicht ganz selbstverständlich, da die an der südlichen Pazifikküste gelegene Stadt Tumaco bis heute unter den Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen leidet und Schiessereien praktisch zur Tagesordnung gehören. Das Friedensabkommen von 2016 hat bisher nicht viel Wirkung gezeigt, vor allem auch weil der 2018 an die Macht gekommene Iván Duque nie grosses Interesse an diesem Prozess gezeigt hat.

Foto: Fundación Chasquis, Julia Schmidt

«Was mir Sorgen macht, ist dass wir noch stärker von der Aussenwelt abgeschnitten sind als sonst», sagt Purrer. «Ich war vor ein paar Tagen im Zentrum, um einzukaufen, und die Regale leeren sich immer mehr. Seit vier Wochen kommen keine Lebensmittel mehr nach Tumaco, und Produkte wie Gemüse, Fleisch, Eier oder Milch sind schon längst ausgegangen. Doch jetzt findet man auch kaum noch Grundnahrungsmittel wie Teigwaren, Reis oder Kekse. Ich weiss nicht, wie lange wir das noch durchhalten. Die wenigen Lebensmittel, die es noch gibt, sind vollkommen überteuert, und die meisten können sich das nicht leisten.» 

Ganz anders sieht die Lage in Popayán aus, einer Stadt im Südwesten des Landes. «Popayán ist nebst Cali zu einem der grössten Brennpunkte des Konflikts geworden», sagt Henning Weber, der seit drei Jahren in der Hauptstadt des Departements Cauca lebt. Die Graswurzelorganisation, bei der er arbeitet, dokumentiert unter anderem Menschenrechtsverletzungen in indigenen Territorien und ist dadurch zur Zielscheibe sowohl von staatlichen Stellen als auch von bewaffneten Gruppierungen geworden. Seit Beginn der Proteste wurden mehrere ihrer Mitglieder angeschossen – und zwar nicht nur in ländlichen Gebieten, sondern auch mitten in der Stadt. «Einer 23-jährigen Arbeitskollegin von mir wurde zwei Mal in den Bauch geschossen, sie hat nur knapp überlebt», erzählt Weber. «Wir müssen davon ausgehen, dass es ein gezielter Angriff auf sie als Mitarbeitende unserer Organisation war. Das Schlimmste dabei ist jedoch, das drei Meter daneben Polizisten standen, die in keinster Weise eingegriffen haben.» Dies sei charakteristisch für das Verhalten der Sicherheitskräfte, so Weber. In verschiedenen Fällen, die teilweise auch auf Video festgehalten sind, hat sich gezeigt, dass die Polizei bewaffnete Zivilisten einfach gewähren lässt – wobei es auch sein könnte, dass es sich um Zivilbeamte handelt.

«In den letzten drei Jahren hatte ich nie Angst um mich oder um meine Familie», sagt Weber. «Doch es war, als würde sich eine Schlinge immer enger zusammenziehen. Anfangs konnte ich mit den indigenen Kolleginnen und Kollegen zusammen in die Territorien fahren, um Weiterbildungen durchzuführen oder Interviews zu machen. Seit 2019 wurde das wegen der steigenden Präsenz bewaffneter Gruppen immer schwieriger. Doch dass wir uns jetzt auch mitten in der Stadt nicht mehr sicher fühlen, ist wirklich eine neue Dimension.» Vor zwei Wochen ist Weber mit seiner für die gleiche Organisation arbeitenden Frau und seinen zwei Kindern vorübergehend nach Bogotá gezogen. «Es tut gut, wieder durch die Strassen gehen zu können, ohne immer über die Schulter zu blicken. Ein Schlüsselerlebnis für mich war, als meine kleine Tochter mich gefragt hat: Aber dich bringen sie nicht um, oder, Papa?»

Foto: Fundación Chasquis, Julia Schmidt

Insgesamt hat sich die Lage in Kolumbien seit 2018 wieder verschärft. Laut Weber haben sich allein in den indigenen Gemeinden der Cauca-Region in den letzten drei Jahren Todesdrohungen vervierfacht und selektive Morde verdreifacht. Seit letztem Jahr könne man sogar wieder von einem offenen Krieg sprechen. 2020 hat Weber in seinem Menschenrechtsmonitoring 67 bewaffnete Aktionen und Auseinandersetzungen erfasst, also mehr als eine pro Woche. In den vier Vorjahren waren es im Schnitt nur 9 pro Jahr gewesen. «Das Problem ist, dass das Machtvakuum, das die FARC hinterlassen hat, nie richtig gefüllt wurde. Indigene Territorien sind deshalb so stark im Fokus, weil die bewaffneten Akteure sie wegen ihrer starken Autonomiestrukturen als Bedrohung für ihre Machtansprüche betrachten.»

In der kolumbianischen Verfassung ist festgelegt, dass alle indigenen Völker Autonomiestatus geniessen und damit in vielen Sektoren selbständige Entscheidungen treffen können, zum Beispiel im Bereich Bildung oder Gesundheit. Der Cauca ist aber diejenige Region, in der dieses Recht am stärksten eingefordert und tatsächlich umgesetzt wird. Die Frage, wer schlussendlich die Kontrolle über diese Gebiete ausübt, welche ganz nebenbei auch reich an Ressourcen wie Bodenschätzen und fruchtbarem Land sind, führt zu Spannungen und Gewalt.

Doch auch wenn die meisten Medien nur Schreckensbilder aus Kolumbien verbreiten, sind die Menschen äusserst kreativ, wenn es um friedliche Formen des Protestes geht. Die kolumbianische NGO «Fundación Chasquis» hat eine Reihe von Kurzvideos erstellt, die Einblick in die Strassen Bogotás geben. Die Videos sind alle deutsch untertitelt und können hier angesehen werden.

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